Wittener zog mit 60 in die erste eigene Wohnung

Pizza ist fertig: Kleine Gerichte kriegt Klaus Schütz allein in der eigenen Wohnung gut gebacken.
Pizza ist fertig: Kleine Gerichte kriegt Klaus Schütz allein in der eigenen Wohnung gut gebacken.
Foto: Fischer / Funke Foto Service
Was wir bereits wissen
Klaus Schütz zog vor sechs Jahren von der Wohnstätte der Lebenshilfe in Annen nach Heven.Dort wuppt er den Alltag überwiegend allein.

Witten..  „Das schaffst du nie“, hatten Mitbewohner zu ihm gesagt. Damals, als Klaus Schütz sich entschloss, aus der Wohnstätte der Lebenshilfe an der Dortmunder Straße auszuziehen. In die erste eigene Wohnung. Mit 60 Jahren. Ein mutiger Schritt. Aber einer, den der Wittener nie bereut hat.

Jetzt lebt er seit sechs Jahren in Heven, auf 48 Quadratmetern mit Balkon. Vor der Wohnungstür liegt eine BVB-Matte. „Ich bin Fan von klein auf“, sagt Klaus Schütz. Und damit klar ist, dass er sich auskennt, schiebt er gleich hinterher: „Kampfbahn Rote Erde“. Er kennt auch das Westfalenstadion, hat es schon besichtigt und ein Spiel gesehen. Der schwarzgelbe Schal und ein Fähnchen hängen überm Sofa im Wohnzimmer. Hier steht auch Klaus’ Bett. Das hat er kurzerhand aus dem Schlafzimmer ‘rübergeschoben, „weil ich so gern vom Bett aus fernseh gucke“. Klaus Schütz weiß eben genau, was er will.

Vor 14 Jahren – bis dahin lebte er bei seinen Eltern in Annen – zog er ins Wohnheim der Lebenshilfe, das gerade erst eröffnet hatte. Nicht, dass er sich dort nicht wohl gefühlt hätte. So rundum versorgt und ganz in der Nähe der Werkstatt für Behinderte, wo er bis zur Rente im Verpackungsbereich arbeitete. „Aber er ist auch gern für sich“, sagt Monika Görres vom Ambulant Betreuten Wohnen, die donnerstags nach dem Rechten schaut und sich mit Kollegin Rebecca Reyes-Mellado, die montags kommt, abwechselt. „Ich bin froh, jetzt meine Freiheit zu haben“, sagt Klaus Schütz. Denn der 66-Jährige ist häufig unterwegs in der Stadt, kennt Gott und die Welt.

Beim Umzug der Zwiebelkirmes sitzt er hinten auf dem Trecker. Beim KSV hat er einen Ehrenplatz gleich vorn beim Sprecher. „Da kann ich schön auf die Matte gucken, wenn die Jungs ringen.“ Alt-Bürgermeister Klaus Lohmann gebe ihm schon mal ein Bier aus: „Mit dem duze ich mich“, erzählt Schütz, der außerdem leidenschaftlich gern bei Veranstaltungen Musik auflegt. Über 1000 CDs hortet er in seinem Schrank: Elvis, Status Quo, gern auch deutsche Schlager.

Und dann ist da noch seine Kathrin, die er in der Werkstatt kennengelernt hat. Seit 14 Jahren sind die beiden ein Paar. „Sie ist mir die Liebste“, verrät Klaus Schütz. Dabei funkeln seine Augen und voller Stolz zeigt er den silbernen Ring her, den er ständig trägt. Natürlich hat sie auch so einen. Sein Traum wäre eine gemeinsame Wohnung. Ein Doppelzimmer im Hotel beim Mallorca-Urlaub mit dem familienunterstützenden Dienst der Lebenshilfe im letzten Sommer, das war immerhin ein Anfang.

Umzug nach Stockum steht bevor

Am 1. Februar zieht Klaus Schütz tatsächlich um. Allerdings ohne Kathrin. Er hatte im vergangenen Jahr eine Hüft-OP und ohne Aufzug fällt es ihm mittlerweile schwer, in die erste Etage zu gelangen. Auch das Bad ist nicht behindertengerecht, die neue Wohnung in Stockum dagegen komplett barrierefrei. „Ich bin schon ziemlich aufgeregt“, sagt Klaus Schütz, obwohl ihm natürlich viele beim Umzug helfen.

Denn Hilfe, die braucht er auch im Alltag. Sechseinhalb Betreuungsstunden pro Woche stehen ihm zu. Gerade war er mit Monika Görres einkaufen. Gemeinsam haben sie einen Nudelauflauf gemacht, der ein paar Tage reichen soll. Denn täglich ein Mittagessen zu bestellen, „das ist zu teuer“. Vorsichtig wuchtet Schütz die schwere Form aus dem Ofen. Vielleicht kommt ja seine Kathrin bald vorbei. Gemeinsam schmeckt’s doch besser.