Wittener wurde erschossen und verscharrt

Siegmund Mühlhaus in einem Foto aus jener Zeit. Foto: Deutsche Dienststelle (WASt), Repro: Fruck.
Siegmund Mühlhaus in einem Foto aus jener Zeit. Foto: Deutsche Dienststelle (WASt), Repro: Fruck.
Was wir bereits wissen
Siegmund Mühlhaus desertierte, weil er keine Menschen töten wollte. Deshalb richteten ihn die Nazis im Salinger Feld hin. An Mühlhaus erinnern wir in unserer Serie „Stolpersteine“.

Witten.. „An der Front kann man sterben, als Deserteur muss man sterben“. Mit diesem Satz aus Hitlers „Mein Kampf“ war der Militärjustiz der NS-Zeit ihr Handeln vorgegeben. 30 000 Soldaten wurden durch die NS-Militärrichter zum Tode verurteilt, bei 21 000 wurde das Urteil vollstreckt. Hinzu kamen in der Endphase des Krieges tausende Deserteure, die durch ein Standgericht verurteilt und meist umgehend getötet wurden. Eines dieser Opfer war der Wittener Siegmund Mühlhaus, geboren 1926.

Nach einer kaufmännischen Ausbildung wurde er im August 1943 zum Reichsarbeitsdienst eingezogen. Mitte Juli 1944 erfolgte die Einberufung zur Wehrmacht. Am 6. Juni waren die Alliierten in der Normandie gelandet. Für alle klar sehenden Deutschen stand damit das Ende des Krieges bevor. Genau dort in Frankreich wurde der junge Mühlhaus nach der dreimonatigen Grundausbildung ab Ende Oktober 1944 noch eingesetzt. Mit einem Freund aus seiner Kompanie desertierte der 18-Jährige am 17. November 1944.

Sein Freund schrieb, er und Mühlhaus hätten nicht aus Angst vor der Front gehandelt, sondern aus dem Bewusstsein, dass das Kämpfen für den Nationalsozialismus keine Ehre für einen Soldaten gewesen sei. Ob sein politisch links stehender Vater ihm die kritische Einstellung mit auf den Weg gegeben hat oder ob die Schrecken des Krieges ihn zu dem mutigen Schritt geführt haben, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Siegmund Mühlhaus hoffte, die Zeit bis zum absehbaren Ende des Krieges und damit der Naziherrschaft im Versteck überstehen zu können.

Verhör in der Gaststätte Lindemann

Nach Recherchen des Historikers Ralph Klein kehrte Mühlhaus nach Witten zurück und versteckte sich dort bei seinen Eltern, die seinen Entschluss guthießen. Ab dem 23.12.1944 kam er bei ihnen im Gederbachweg 45 unter, wo er im März 1945 noch seinen 19. Geburtstag erlebte. Nach einer Denunziation beim Führer der NSDAP-Ortsgruppe Annen wurde das Haus am 6. April 1945 vom Annener Volkssturm umstellt. Dieser sollte Soldaten aufgreifen, die in den Wirren der letzten Kriegswochen von ihren Einheiten getrennt wurden oder desertiert waren. Die Männer durchsuchten das Haus und brachten Siegmund Mühlhaus, seine Mutter und eine weitere Frau in die Gaststätte Lindemann in der Siegfriedstrasse zum Verhör.

Das Lokal diente dem Volkssturm als Dienststelle und als Sammelstelle für aufgegriffene Deserteure. Acht Stunden wurde Mühlhaus dort vernommen. Gegen Mitternacht brachten ihn dann vier Volksturmmänner unter dem Kommando des Ortsgruppenführers mit einem Auto ins Salinger Feld. Sie schleppten Mühlhaus abseits der Brauckstraße auf ein Feldstück mit vielen Bombentrichtern. Dort führten die Volkssturmmänner die Farce eines Standgerichts auf. Er wurde gefragt, warum er fahnenflüchtig geworden sei. Mühlhaus antwortete, er könne keinen Menschen töten.

Anschließend erschossen die Männer den 19-Jährigen und verscharrten seinen Leichnam in einem Bombentrichter. Nur fünf Tage später, am 11. April, befreiten die amerikanischen Truppen Witten. Fünf Tage zu spät für Siegmund Mühlhaus.