Wittener will Flüchtlinge aus Seenot retten

Wartet schon gespannt auf seinen Mittelmeer-Einsatz: Der aus Bommern stammende und in Berlin arbeitende Dr. Babak Khalatbari, hier bei einem Witten-Besuch im Café Del Sol am Mühlengraben. Foto: Thomas Nitsche - Funke Foto Services
Wartet schon gespannt auf seinen Mittelmeer-Einsatz: Der aus Bommern stammende und in Berlin arbeitende Dr. Babak Khalatbari, hier bei einem Witten-Besuch im Café Del Sol am Mühlengraben. Foto: Thomas Nitsche - Funke Foto Services
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Dr. Babak Khalatbari sticht ab März zur „Operation Sophia“ im Mittelmeer in See. Er will Flüchtlinge retten und Schleppern das Handwerk legen.

Witten.. Im März tauscht der Wittener Babak Khalatbari sein Büro gegen das Mittelmeer. Doch es zieht ihn nicht in Urlaubsgefilde, sondern zum Rettungseinsatz für Flüchtlinge. In drei knappen Worten bringt er’s auf den Punkt: „Ich kann Krise“, sagt Khalatbari. Glaubt man dem gebürtigen Wittener gerne.

Kabul in Afghanistan, Islamabad in Pakistan, an diesen Orten eröffnete und leitete der heute 41-Jährige von 2005 bis 2013 die Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung. Beides keine Regionen für puschelige Urlaubsgefühle, sondern Top-Krisengebiete dieser Welt.

Ab März ist der Kabinettsreferent im Berliner Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) wieder dort, wo’s brennt. Oder besser: wo die Wellen hochschlagen. Im Mittelmeer, um Flüchtlinge aus Seenot zu retten und Schleppern das Handwerk zu legen. Für sieben Wochen wird er dazu vom BMZ freigestellt. Leinen los, heißt es dann für ihn von Malta aus für die „Operation Sophia“. „Die ist nach jenem somalischen Flüchtlingsmädchen benannt, das im August 2015 an Bord der Fregatte ,Schleswig-Holstein’ zur Welt kam. Sophia ist das einzige Kind, das an Bord eines Schiffes der Bundeswehr geboren wurde“, weiß Khalatbari.

Die Schiffe, Flugzeuge und Hubschrauber der Operation Sophia werden auf hoher See bzw. im Luftraum zwischen der italienischen und libyschen Küste eingesetzt. Insgesamt beteiligen sich 22 europäische Nationen mit rund 1800 Soldaten und Zivilpersonal daran. Seit Beginn der Mission im Mai 2015 wurden von ihnen fast 12 000 Flüchtlinge aus Seenot gerettet.

Zerschlagung von Schleuserbanden bleibt noch ein fernes Ziel

„Ich bin als Reserveoffizier interkultureller Einsatzberater. Syrien, Iran, Afghanistan und Pakistan kenne ich sehr gut. Da ich in Kuwait studiert habe, spreche ich unter anderm auch Arabisch“, zählt der Vater zweier Kinder die Qualifikationen auf, die für die Mission elementar sind. Es sei wichtig, mehr über die aus verschiedenen Ländern stammenden Flüchtlinge zu erfahren. „Es gibt alleinreisende junge Männer, von den Strapazen gestresste Kinder, schwangere Frauen. Und weil es zudem kulturelle und soziale Unterschiede gibt, muss nicht jeder mit jedem auskommen“, berichtet Khalatbari.

Eine „Regionalanalyse“, wie er sie durch sein Hintergrundwissen erstellen könne, sei daher so wichtig. Aber auch, um Informationen über Schleuserbanden, Fluchtrouten und -intervalle zu erhalten: „Großes Ziel ist die Zerschlagung der Schleuserbanden. Diesbezüglich gibt es allerdings noch keine Übereinkunft mit den jeweiligen Ländern.“

Ein Schlüsselerlebnis, warum sich der Sohn eines persischen Mediziners („Mein Vater hat mich als Oberarzt im Diakonissenhaus 1975 auf die Welt geholt“) und einer alteingesessenen Wittenerin für Krisen und deren Lösungen interessiert, war jene in Kuwait 1990: „Die Konfliktstruktur hat mich damals beeindruckt. Wie aus einem regionalen Zwergenkrieg ein globaler Großkonflikt werden konnte, in den so viele Länder unter Leitung der USA gegen den Irak hineingezogen wurden.“ Angesichts der Kriegsbilder im Fernsehen habe er seine Eltern gefragt: „Wie kann das sein? Ihr habt uns immer gelehrt, dass Frieden besser ist als Krieg.“

Nach den Kriegsflüchtlingen kommen möglicherweise die Klimaflüchtlinge

Es sei leicht, Soldaten in ein Land zu schicken. Weitaus schwieriger sei das, was danach käme. „Für Krisenmanagement braucht man in jedem Land andere Instrumente. Lösungen von der Stange gibt’s nicht. Wichtig sind profunde Kenntnisse der Region und ihrer Menschen.“

60 Millionen Menschen seien derzeit auf der Flucht. Und ein Ende ist nach Babak Khalatbaris Meinung noch lange nicht absehbar. Im Gegenteil: „Nach den Kriegsflüchtlingen werden möglicherweise Klimaflüchtlinge durch zunehmende Naturkatastrophen kommen.“ Problemlösungen in den betroffenen Ländern und Hilfe vor Ort seien deshalb dringend geboten: „Denn den Menschen dort geht die Geduld aus und in Berlin den Politikern die Zeit.“