Wittener Traditionstrinkhalle schließt nach 65 Jahren

Kai Friderici (hier mit Ehefrau Bettina) hat am Montag, 30.03.2015, nach 90 Jahren die Familien-Trinkhalle bzw den Kiosk abgegeben. Wegen Einbrüchen usw. wollte er sein Geschäft nicht weiterführen.
Kai Friderici (hier mit Ehefrau Bettina) hat am Montag, 30.03.2015, nach 90 Jahren die Familien-Trinkhalle bzw den Kiosk abgegeben. Wegen Einbrüchen usw. wollte er sein Geschäft nicht weiterführen.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Drei Mal wurde Kai Friderici beklaut, nun zieht er Konsequenzen: Er gibt seinen Kiosk an der Wittener Crengeldanzstraße auf.

Witten..  Montagabend verkaufte er die letzte Schachtel Zigaretten, dann schloss Kai Friderici für immer die Türen seines Kiosks an der Crengeldanzstraße, gleich neben dem Marien-Hospital. Damit endet eine Familientradition – Opa Hans hatte die Trinkhalle 1950 eröffnet, die bis heute aussieht wie aus einem Ruhrgebiets-Bilderbuch.

Es sind viele Faktoren, die den inzwischen 50-jährigen Kai Friderici zu dem Entschluss brachten, das Kioskleben zu beenden. Zum einen: die Umsätze brechen stark ein, seit Supermärkte bis spät abends öffnen und Tankstellen noch weit länger. Als die Läden samstags noch um 14 Uhr dicht machten, kam mehr Kundschaft an die Kioske.

Zum anderen gab es drei kriminelle Taten, die das Fass zum Überlaufen brachten: Zuletzt brachen vier Täter in das kleine Geschäft ein. „Tabak, Zigaretten, alles war weg. Da ist der finanzielle Schaden so groß, das ich mir gesagt habe: Jetzt ist es genug.“ Zuvor bedrohte ein Räuber eine Angestellte mit einer Pistole bedroht (sie versteckte sich, er flüchtete ohne Beute). Und einmal griff ein Kunde quer über die Theke in die Kasse.

Viele Wittener werden Fridericis Büdchen mit der Backsteinfassade, den Kupferlaternen und dem altmodischen Schriftzug darüber kennen: Denn neben der Laufkundschaft und dem Stammpublikum zählen auch „Flüchtlinge“ aus dem Marien-Hospital zum Klientel. Bestenfalls nervöse werdende Väter, die kurz den Kreißsaal verlassen. Schlimmstenfalls schleppen sich Patienten für eine Schachtel Kippen zu Herrn Friderici. „Ich hatte hier mal einen, der schob seinen Infusionsständer neben sich her“, erinnert sich Kai Friderici. Vor seiner Glasscheibe standen Ärzte oder einfache Arbeiter, auf der Suche nach Dosenravioli oder dem Feierabendbier.

Zur ausgefallenen Angebot seines Büdchens zählen Eis-„Hauspackungen“ (große Größen für Sonntagnachmittage) und Modellautos. „Komischerweise laufen die immer. Die Männer sehen das und nehmen ein Auto mit.“

Die besten Jahre sind vorbei

Hinzu kommt das klassische Kioskangebot: Disneys lustige Taschenbücher, die gemischte Tüte, Tabak in Dosen. Trotz Paketannahme, Aufladeservice von Handyguthaben oder dem trendigen „Coffee to go“ steht für Friderici fest: Die besten Jahre sind vorbei.

„Das fällt mir nach so einer langen Zeit nicht leicht, hier Schluss zu machen“, sagt Friderici wehmütig. „An unserem Kiosk hängt Herzblut dran. Ich bin in dem Büdchen quasi aufgewachsen.“ Damals verkaufte dort Vater Günter. Gestern verabschiedete er sich von Lieferanten und treuen Kunden. „Das ist kein Tag wie jeder andere.“

Sein Büdchen wird weiter laufen: Ein indischer Mitbürger mit einem so komplizierten Namen, dass alle ihn nur „Herr Viki“ nennen, übernimmt ab heute. Kai Fridericis eigene Zukunft hat noch viele Fragezeichen: „Meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind doch eher gering.“