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Wittener Senior enttäuscht von seinen Söhnen

03.03.2016 | 17:35 Uhr
Wittener Senior enttäuscht von seinen Söhnen
Inniges Verhältnis: Angelika Osthoff besucht ihre Mutter Ilse Henke oft im Altenheim.Foto: Thomas Nitsche

Witten.   Wenn Eltern alt werden, erwarten sie oft Fürsorge von den Kindern. Doch nicht alle können oder wollen für die Senioren sorgen - Gründe gibt es viele.

Er ist alt und schwer krank. Vor zehn Jahren starb seine Frau. Nun lebt Herbert Scholz (Name v.d.Red. geändert) einsam und allein in einem winzigen Apartment in der Innenstadt. Seine beiden Söhne lassen sich nicht beim Vater blicken. Der 77-Jährige ist enttäuscht: „Ich habe alles für sie getan, ihnen eine gute Ausbildung ermöglicht und nun kümmern sie sich überhaupt nicht um mich.“ Ein Einzelfall? Ein Extrem? Birgit Böcker vom Wittener Seniorenbüro wird oft mit solchen Erwartungshaltungen alter Eltern konfrontiert. „Das sich Kinder dann kümmern oder nicht kümmern – das hält sich die Waage“, hat sie bei ihrer Arbeit festgestellt.

Info
Seniorenbüro im Rathaus hilft bei vielen Problemen

Das Seniorenbüro der Stadt ist Ansprechpartner zu allen Themen und Lebensbereichen von Senioren.

Öffnungszeiten: Montag, Donnerstag und Freitag von 8 bis 12 Uhr, Dienstag von 8 bis 16 Uhr. Terminvereinbarungen außerhalb der Öffnungszeiten sind möglich. Das Seniorenbüro befindet sich im Sockelgeschoss des Rathaus-Südflügels, 581-5077 (Birgit Böcker).

Oft nehme sie in ihren Pflegeberatungen eine vermittelnde Position ein. „Die Perspektiven älterer Menschen verändern sich mit der Zeit“, sagt Birgit Böcker (58). Tatsächlich erwarteten manche eine Rundum-Versorgung. Wenn die erwachsenen Kinder dann erklärten, dass das nicht ginge, hieße es oft: „Ihr wollt euch nicht um mich kümmern.“ Dabei, so Böcker, fehle etwa berufstätigen Angehörigen oft schlichtweg die Zeit. „Und es braucht viele Gespräche, um da eine Akzeptanz bei den Senioren zu erreichen.“ Birgit Böcker vertritt einen klaren Standpunkt: „Ich finde es richtig, dass Kinder sich kümmern, aber sie müssen nicht alles selber machen.“ Es gebe genug Möglichkeiten, zum Beispiel Essen auf Rädern, um Vater oder Mutter versorgen zu lassen.

Sich abzugrenzen, ist wichtig

„Kinder müssen darauf achten, sich abzugrenzen, um ihr eigenes Leben weiterleben zu können.“ Sie selbst habe mit ihren Eltern besprochen: „Ich bin immer für euch da, aber ich kann euch nicht pflegen.“ Sich bis zu einem gewissen Grad zu lösen, das sei „ein Akt“. Aber ein schlechtes Gewissen müsse man deshalb nicht haben.

Ilse Henke (95) und Angelika Osthoff (66) haben den Spagat geschafft. „Sie ist ein Engel“, sagt die Seniorin über ihre Tochter – „meine einzige“. Die Bommeranerin lebt seit 2011 in den Feierabendhäusern der Diakonie an der Pferdebachstraße. Seit einem Beinbruch sei sie zu Hause nur noch schlecht zurecht gekommen. „Unsere Wohnung liegt im dritten Stock und ist nicht barrierefrei“, sagt Angelika Osthoff fast entschuldigend. Ihre Mutter ins Heim zu geben, sei ihr schwer gefallen, „aber es ist die beste Möglichkeit“. Sie wohnt in der Nähe, kommt „gerne“ drei- bis viermal pro Woche zu Besuch, nur nicht Samstag und Sonntag – „da ist mein Mann dran“. Ihre Mutter hat dafür Verständnis, sagt sogar: „Angelika soll nicht immer nur an mich denken.“

Niemanden vorverurteilen

Manuela Söhnchen (51) vom Sozialdienst der Diakonie ist eines ganz wichtig: „Wenn Kinder sich nicht oder nicht viel um ihre alten Eltern kümmern, sollte man sie keinesfalls vorverurteilen. Es gibt immer einen Grund, warum sie es nicht tun.“ Von ihren Töchtern erwarte sie nicht, dass sie sich im Alter um sie kümmern: „Ich würde mich natürlich freuen, aber sie sollen sich nicht aufopfern.“

Herbert Scholz wäre schon froh gewesen, wenigstens mal eine Karte zu Weihnachten oder einen Glückwunsch zum Geburtstag zu bekommen.

Annette Kreikenbohm

Kommentare
04.03.2016
09:33
Wittener Senior enttäuscht von seinen Söhnen
von CarstenRensinghoff | #1

Für diese Misere mache ich verantwortlich:
- ein modernes Medizinsystem, das den Tod immer weiter nach hinten schiebt und in vielen Fällen...
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http://www.derwesten.de/staedte/witten/wittener-senior-enttaeuscht-von-seinen-soehnen-id11619005.html
2016-03-03 17:35
Witten