Wittener Rentner: Schuften fürs Katzenfutter

Auch mit 68 muss sie noch zupacken: Margret Ernst (r.) bessert ihre kleine Rente mit der Arbeit als Pflegekraft auf. Hier hilft sie Patientin Margot Beutel.
Auch mit 68 muss sie noch zupacken: Margret Ernst (r.) bessert ihre kleine Rente mit der Arbeit als Pflegekraft auf. Hier hilft sie Patientin Margot Beutel.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Spielen mit den Enkeln, Eisessen im Café? Von Wegen! Rund 1300 Rentner gehen in Witten arbeiten. Die einen müssen, die anderen wollen. Wir begleiteten zwei von ihnen.

Witten.. Margret Ernst ist eigentlich in einem Alter, in dem viele Frauen ihr Leben ohne Job genießen. Bei der 68-Jährigen ist das anders. Sie arbeitet als Pflegekraft bei der Caritas. Was vor zwölf Jahren als berufliche Umorientierung anfing, wurde zur Notwendigkeit. Margret Ernst hatte früher erfolgreich eine Tankstelle geführt. „Als mein Mann starb, ging alles den Bach runter.“ Von der Bank gab es keine Kredite mehr, die Lebensversicherung ging fürs Haus drauf. „Ohne das Geld, das ich dazuverdiene, müsste ich mit 350 Euro auskommen.“ Eine Rente auf Hartz-IV-Niveau. Und das nach jahrzehntelanger Arbeit.

Arbeit geht auf die Knochen

Es ist 6.15 Uhr und Margret Ernst verlässt ihre Wohnung. In zehn Minuten muss sie bei der ersten Patientin sein. Die gelernte Arzthelferin muss die Dame aus dem Bett holen, ihr in den Toilettensitz helfen, ein Brot bereitlegen und sie wieder ins Bett hieven. Und das alles mit 68. Fünf Tage pro Woche, jeweils fünf Stunden, bei zwölf Patienten. „Es geht auf die Knochen“, sagt Margret Ernst. „Aber es macht Spaß. Ein paar Jahre will ich das noch machen.“ Und das müsse sie wohl auch.

Während sich Margret Ernst gegen elf Uhr auf den Weg zu ihrer letzten Patientin an diesem Tag macht, schließt Helmut Lange die Tür zum Bootsverleih am Kemnader See auf. Der 63-Jährige ist seit zwei Jahren Rentner. Früher war er Küchenleiter, hat Speisepläne geschrieben, Lebensmittel eingekauft. Es folgten zwölf Jahre als Kantinen-Chef bei Pilkington. Nun beglückt er Kind und Kegel mit einer Tretboot-Fahrt.

Ein Muss sei die Arbeit für ihn nicht. „Ohne den Zuverdienst von 430 Euro hätte ich meinen Lebensstandard nicht halten können“, sagt Lange. Dazu zählt die 85-Quadratmeter-Wohnung oder ein Trip nach Hamburg. Das ist aber nicht das Einzige. „Ich fühle mich noch fit. Und fürs Zuhausesitzen bin ich nicht der Typ.“

Zweimal pro Woche arbeitet Lange am Kemnader See, säubert Tretboote, hängt den Rettungsring auf, füllt den Kühlschrank mit Getränken und die Kasse mit Wechselgeld. „Am meisten macht mir der Kontakt mit den Leuten Spaß. Wenn schönes Wetter ist, dann ist die Hölle los.“ Erst nach neun Stunden schließt Helmut Lange wieder die Tür.

Margret Ernst hat da zwar schon lange Feierabend. Dafür muss sie am nächsten Morgen wieder um fünf Uhr aufstehen. „Wenn ich es nicht machen würde, könnte ich meinen Katzen kein Futter mehr kaufen.“

INFO

In Witten gehen etwa 30 000 Menschen einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach. Darunter rund 220 Rentner bis 74 – sogar 20, die älter als 74 Jahre alt sind

Rund 8400 Menschen verdienen sich in Witten etwas Geld in einem Minijob dazu, darunter etwa 1000 Rentner bis 74 und 140, die älter sind alt 74

Es gibt sogar Wittener Rentner, die einem Hauptjob nachgehen und dazu noch einem Nebenjob: insgesamt rund 30