Wittener reiste vor 50 Jahren um die Welt

Weltenbummler-Treffen: Norbert Buchmann (Mitte) feierte 1965 in Bombay seinen 25. Geburtstag mit dem Wiener Weltreisenden Erich Weithofer (re.) und dem ehemaligen sächsischen Seemann Hannes Grohmann. Am Mittwoch wurde Buchmann 75. Die alten Freunde gratulierten in Witten.
Weltenbummler-Treffen: Norbert Buchmann (Mitte) feierte 1965 in Bombay seinen 25. Geburtstag mit dem Wiener Weltreisenden Erich Weithofer (re.) und dem ehemaligen sächsischen Seemann Hannes Grohmann. Am Mittwoch wurde Buchmann 75. Die alten Freunde gratulierten in Witten.
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
Norbert Buchmann feierte seinen 25. Geburtstag in Bombay. Dort fand er auch zwei neue Freunde. Die kamen jetzt zu seinem 75. Geburtstag nach Witten.

Witten..  Als er 23 war, zog es Norbert Buchmann in die Welt. Der Wittener kündigte seine Stelle als Maschinenbau-Techniker bei der Demag in Wetter. Im März 1964 verabschiedete er sich mit einem Rucksack auf dem Rücken und 2300 Mark in der Tasche von seiner Mutter, die von seinen Reiseplänen gar nicht begeistert war. Was Buchmann da noch nicht wusste: Seinen 25. Geburtstag sollte er im indischen Bombay, heute Mumbai, auf dem DDR-Frachter „MS-Berlin“ feiern. Und dort Freundschaft mit einem Sachsen und später einem Wiener schließen. Gestern hat das Männer-Trio in Witten Norbert Buchmanns 75. Geburtstag gefeiert – und schwelgte – nach 50 Jahren – in Erinnerungen an alte Weltenbummler-Zeiten.

Das ganz große Abenteuer begann für Buchmann 1964 mit einer Zugfahrt nach Athen. Von dort ging es mit einem Schiff über den Hafen von Piräus in Richtung Türkei. Der gebürtige Schlesier trampte durch Syrien, den Libanon. Von der jordanischen Hauptstadt Amman aus fuhr er mit einem Apfellaster nach Bagdad im Irak und von dort weiter in die iranische Hauptstadt Teheran. Ohne Handy, ohne Angst, immer offen für das, was die Welt ihm bot.

Als Anhalter durchquerte er Afghanistan und kam schließlich, nach drei Monaten, in Indien an. An seinem 24. Geburtstag war er das erste Mal in Bombay – und hatte Glück. „Ich konnte auf einem dänischen Tanker als Hilfskraft anheuern und Geld verdienen!“ Der Kapitän wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht, wohin die Reise gehen würde. „Er bekam später die Order, nach Australien zu fahren.“

„Mein Traum war es, 1964 die Olympiade in Tokio mitzuerleben“

Das Herz des Witteners an Bord machte Luftsprünge. „Denn mein Traum war es, 1964 die Olympiade in Tokio mitzuerleben.“ Sein Wunsch sollte in Erfüllung gehen. Am 30. September 1964 ging Buchmann im japanischen Yokohama von Bord. Schmunzelnd berichtet er, dass er in Tokio auch Bekanntschaft mit einem japanischen Professor machte. Der bat den Deutschen, an einer Privatuni der Stadt ein Gedicht Heinrich Heines vorzulesen. „Ich habe es gemacht und bekam dafür umgerechnet 40 Mark.“

Vier Monate sah er sich begeistert das „wunderschöne“ Japan an, weiter ging es über Hongkong und Singapur nach Vietnam. Er lernte Malaysia, Thailand und Kambodscha kennen, bevor er an seinem 25. Geburtstag erneut Station in Bombay machte. „Im Zentrum der Stadt traf ich zwei Seeleute aus Sachsen, einer von ihnen war Hannes Grohmann.“

Einladung auf den DDR-Frachter „MS-Berlin“

Die zwei luden den „zerzausten, bärtigen Wessi-Weltenbummler“ ein, auf ihrem DDR-Frachter „MS-Berlin“ auf seinen 25. Geburtstag anzustoßen. „Es gab Kartoffelsalat, bulgarischen Rotwein und viel Krimsekt.“ Was Folgen haben sollte.

Seemann Grohmann begleitete das Geburtstagskind zurück zum Bombayer Hauptbahnhof, wo Norbert Buchmann auf dem Fußboden im Wartesaal mit einigen Indern sein Nachtlager aufschlug. Nur: Sein Magen rebellierte. Krimsekt zum Kartoffelsalat, das war ihm nicht bekommen. So kam der Wiener Weltreisende Erich Weithofer in Buchmanns Leben, der sich des lädierten Deutschen annahm. „Am nächsten Morgen wurden wir noch einmal gemeinsam auf das DDR-Schiff zum Frühstück eingeladen.“

Eine Zugfahrkarte nach Villach in Österreich

Buchmann und Weithofer traten zusammen ihre Rückreise von Indien aus in Richtung Türkei an. „Wir haben uns im griechischen Thessaloniki voneinander verabschiedet.“ Überraschung: Der neue Freund überreichte dem Wittener eine Zugfahrkarte nach Villach in Österreich. Der Beschenkte revanchierte sich, fuhr als Anhalter mit einem Italiener zunächst noch nach Wien, um Weithofers Mutter mitzuteilen, dass es ihrem Sohn gutgehe.

Am 1. September 1965 war Buchmann nach 17 Monaten Weltreise – gesund und rund 20 Kilo leichter – zurück in Witten. Seine Mutter erwartete ihn nicht mit einem Festessen, sondern der Nachricht, dass ein Cousin seinen Polterabend habe. „Ich fuhr, so wie ich war, in Jeans und Jesuslatschen mit ihr dorthin.“ Der Kontakt zu Hannes Grohmann aus dem sächsischen Radebeul und Erich Weithofer aus Wien riss nie ab. Alle drei Männer heirateten, wurden Ingenieure. Heute sind sie Großväter – und nach einem halben Jahrhundert immer noch Freunde.