Wittener reisen 2800 Kilometer für Honig

Alltägliche Realität in Ostungarn: Diese Unterkunft zweier Roma-Familien wurde nie fertig gebaut.
Alltägliche Realität in Ostungarn: Diese Unterkunft zweier Roma-Familien wurde nie fertig gebaut.
Foto: Philip Raillon
Was wir bereits wissen
Martin-Luther-Gemeinde verkauft Bienenprodukt aus Ostungarn. Erlös fließt in Arbeit einerGemeinde in Göncruszka. Unser Mitarbeiter war vor Ort.

Witten..  Honig aus Aprikosen- und Sonnenblumenblüten – gesammelt von Bienen in der ostungarischen Einöde. Seit anderthalb Jahren bietet die Wittener Martin-Luther-Gemeinde diesen Honig jeden Sonntag den Gottesdienstbesuchern an.

Der Erlös fließt in die Arbeit einer Gemeinde im ungarischen Göncruszka. Jetzt war der Vorrat an flüssigem Gold aufgebraucht, Nachschub musste her. Unser Mitarbeiter Philip Raillon begleitete Gemeindemitglied Rebekka Gellesch (21) auf dem Weg nach Ungarn.

30 Zentimeter tiefe Schlaglöcher überziehen die Hauptstraße des 600 Seelendorfes Göncruszka. Ein Pferdekarren kommt gerade aus einer der geschotterten Seitenstraßen. Das Leben der Bewohner hier ist sehr einfach: Miskolc, die Provinzhauptstadt, ist 50 Kilometer entfernt. Der Arzt kommt irgendwann gegen Mittag vorbei – wenn man Glück hat! Doch Zeit zu warten hat man hier viel, eine feste Arbeit haben ohnehin nur wenige.

„Die Leute scheinen aber zufrieden. In Deutschland würde das niemandem reichen“, stellt Rebekka Gellesch fest. Die 21-jährige Medizinstudentin fuhr die 1400 Kilometer (je Strecke), nur um den neuen Honig abzuholen. Von hier sind es keine zwölf Kilometer mehr bis zur Slowakei, etwa 50 bis in die Ukraine. An diesen sonnigen Juni-Tagen wirkt Göncruszka fast idyllisch: Das saftige Gras weht im Wind, roter Mohn verpasst den ansonsten grauen Häuschen etwas Farbe. Kinder spielen auf dem Hof der reformierten Grundschule.

Spendengelder aus Witten

Finanziert wird das Schulprojekt „Talentum“ unter anderem von dem Geld aus Witten. „Das pädagogische System und die leuchtenden Augen der Kinder haben mich damals fasziniert“, sagt Rebekkas Vater Dirk Gellesch (51), der vor zwei Jahren als Mitglied der westfälischen Kirchenleitung nach Ungarn reiste. Talentum, das ist ein Ort der Lebensfreude und vor allem einer der Hoffnung: Den Kindern wird hier eine Perspektive geboten.

Keine 100 Meter weiter wohnt eine der vielen Roma-Familien. „Wohnen“ trifft es nicht ganz: Die Hälfte des Hauses fehlt, die Dachpfannen sind verrutscht oder fehlen ganz. „Die Familien leben so lange in den Ruinen, bis es nicht mehr geht. Dann ziehen sie mit einer anderen Familie zusammen“, erzählt ein Gemeindemitglied. Und das alte Haus? Die Dachbalken werden im nächsten Winter verfeuert, Metall wird verkauft. Teilweise leben dann drei Familien in einem Haus. Jede Familie hat einen Raum. Als Eingang schlägt man sich ein Loch in die Außenwand des Raumes. Türen? Gibt es nicht.

Getragene Kleidung wird verbrannt

Im Moment ist Sommer, die Tage sind lang und warm. In den Wintermonaten wird hier im Osten mit Feuer geheizt. Die Roma verbrennen ihre getragene Kleidung – denn waschen geht bei minus 30 Grad nicht.

Die Gemeinde von Göncruszka versucht, dagegen zu halten: Ein Drittel aller Schulkinder muss aus Roma-Familien stammen, in einem Schutzhaus im Nachbardorf – dort wohnen noch viel mehr Sinti und Roma – gibt es kostenlose Mahlzeiten. Finanziert wird all das durch Spenden und den Erlös des Honigverkaufs.