Wittener Pflegeeinrichtung gerät nach Tod in die Kritik

Wurden dem todkranken Senior gegen ärztliche Anordnung noch Blutdruck senkende Medikamente verabreicht? Auch die Polizei ermittelt nach dem Vorfall in einer Wittener Pflegeeinrichtung.
Wurden dem todkranken Senior gegen ärztliche Anordnung noch Blutdruck senkende Medikamente verabreicht? Auch die Polizei ermittelt nach dem Vorfall in einer Wittener Pflegeeinrichtung.
Foto: Ulla Emig WAZ Fotopool
Was wir bereits wissen
Schweren Vorwürfen sieht sich eine Pflegeeinrichtung in Witten ausgesetzt: Tabletten seien einem Todkranken gegen ärztliche Anordnung verarbreicht worden.

Witten.. Eine Wittener Einrichtung für betreutes Wohnen gerät ins Zwielicht: Die Töchter eines mittlerweile verstorbenen 78-Jährigen werfen der Leitung vor, sich über ärztliche Anordnungen und eine Patientenverfügung hinweggesetzt und weiterhin Tabletten verabreicht zu haben. Die Pflegeeinrichtung bestreitet die Vorwürfe vehement.

Die Polizei hat Unterlagen des Heims zur weiteren Untersuchung beschlagnahmt, ebenso die Leiche von Heinz S., der wegen seiner Parkinsonkrankheit und schweren Nierenschäden als todkrank galt. Der Leichnam wurde von einem Gerichtsmediziner obduziert.

„Es lag zu viel im Argen“

„Weitere rechtsmedizinische Untersuchungen wurden in Auftrag gegeben“, sagt Polizeisprecher Volker Schütte. Geklärt werden soll, unter welchen Umständen der Wittener am zweiten Weihnachtsfeiertag gestorben war. Die Polizei sei vom Palliativarzt ihres Vaters, Dr. Matthias Thöns, eingeschaltet worden, sagt Andrea B., eine der Töchter von Heinz S. „Es lag zu viel im Argen bei dieser Einrichtung.“

Andrea B. wirft der Leitung vor, dass sie das Leben ihres Vaters durch Verabreichung der Pillen gegen dessen Willen und gegen den Willen der Familie verlängern wollten – aus finanziellen Gründen. „Wenn er länger liegt, bekommen sie mehr Geld“, mutmaßt sie. Medikamente wie ein Bluthochdruckmittel seien auch dann noch verabreicht worden, als Palliativmediziner Dr. Matthias Thöns deren Absetzung schon längst angeordnet habe – und zwar drei weitere Tage.

Damit habe man sich gegen die Patientenverfügung ihres Vaters hinweggesetzt, in der eindeutig geregelt gewesen sei, „dass er nichts mehr gegen seinen Willen bekommen soll“, wenn er todkrank sei, erklärt die 48-jährige Tochter. Pikant: In einer angeblichen, abfotografierten Aktennotiz, die unserer Zeitung vorliegt, soll der Einrichtungsleiter („Anordnung von Herrn M.“) bestimmt haben, „alle Medikamente weiter zu geben wie bisher“, da keine Patientenverfügung vorliege.

Heim: Anordnung sofort befolgt

Wie es die Familie schildert, soll die Pflegedienstleitung ihr gegenüber erklärt haben, ihr Vater sei nicht todkrank – die Medikamente wegzulassen, wie es Dr. Thöns forderte, sei aktive Sterbehilfe. Der Arzt bekräftige gegenüber unserer Zeitung: „Es ging nur noch darum, die Schmerzen von Herrn S. mit einem Schmerzpflaster zu lindern.“ Und er geht noch weiter: „Das Blutdruck senkende Mittel in einem solchen Fall weiter zu verabreichen, ist schädlich.“ Heinz S. habe durch seine Krankheit schon einen sehr niedrigen Blutdruck gehabt.

Aus dem Haus, das eine Rund-um-Betreuung anbietet, heißt es, man habe sich nichts vorzuwerfen und die ärztliche Anordnung sofort befolgt. Ganz anders sieht das Andrea B., die Tochter des Toten: Erst nachdem sie der Leitung mit einer Anzeige gedroht hätte, sei die Verabreichung der Tabletten eingestellt worden. „Noch eine Tablette und wir hätten jede Schwester angezeigt.“ Mittlerweile habe sie aus Angst auch die Lebensgefährtin ihres Vaters aus dem Heim geholt.