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Jugendamt Witten sah keine Warnsignale für Vernachlässigung

27.01.2016 | 19:44 Uhr

Witten.   Eine Mutter aus Witten und der Vater aus Dortmund sollen ihre Zwillinge böswillig vernachlässigt haben. Sozialpädagogin berichtete von Hausbesuchen.

Untergewichtig, mit blauen Flecken im Gesicht und an den Oberschenkeln, wund unter den Windeln und mit einer Pilzinfektion an den Zehnägeln kam ein 22 Monate altes Zwillingspärchen vor einem Jahr ins Marien-Hospital. Die 25-jährige Mutter und der getrennt lebende Vater (24) müssen sich vor dem Landgericht Bochum wegen schwerer Misshandlung verantworten.

Der schlechte Zustand der beiden Mädchen habe sie damals sehr überrascht, sagte am Mittwoch eine Mitarbeiterin (29) des Wittener Jugendamtes. Sie hatte die Mutter und ihre drei Kinder – es gibt noch eine ältere Schwester – im Zuge der freiwilligen ambulanten Hilfe wiederholt und auch unangemeldet zu Hause besucht. Dabei sei ihr nichts aufgefallen, was auf eine Gefährdung des Kindeswohls oder eine „böswillige Vernachlässigung“ (Anklage) hingedeutet hätte. „Die Wohnung war tipptopp, sehr aufgeräumt, alle waren ordentlich angezogen, da gab es nichts zu beanstanden.“

Zeugin: Kleinkinder saßen immer nur auf dem Boden

Die Sozialpädagogin bemerkte wohl, dass die Mutter die ältere Tochter verhätschelte und offenbar bevorzugte. Die beiden Kleinkinder hätten immer nur auf dem Boden gesessen. Sie habe die damals anderthalbjährigen Zwillinge nie laufen sehen. Deren schmächtige Statur führte sie darauf zurück, dass sie als Frühchen zur Welt gekommen und Zwillinge waren.

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Jugendamt Witten sah keine Warnsignale für Vernachlässigung

Die Mutter aus Witten und der Vater aus Dortmund sollen ihre Zwillinge böswillig vernachlässigt haben. Sozialpädagogin berichtete von Hausbesuchen.

Sie habe sie nie unbekleidet gesehen. Weil sie von einem Bewegungsmangel ausging, empfahl sie für alle drei Kinder den Besuch einer Spielgruppe. Die Mutter nahm dieses Angebot auch in Anspruch. Unproblematisch war die Zusammenarbeit mit ihr aus Sicht des Jugendamtes aber nicht.

Zehn Monate in einer Pflegefamilie

Die Zwillinge hatten ihre ersten zehn Lebensmonate in einer Pflegefamilie verbracht. Weil sie sich damals überfordert fühlte, hatte die Mutter sie kurz nach der Geburt abgegeben. Als sie die Kinder wieder zu sich nahm, stellte ihr die Stadt Recklinghausen – ihr damaliger Wohnort – eine sozialpädagogische Familienhilfe zur Seite. Als sie im Laufe von 2014 nach Witten umzog, bot ihr das örtliche Jugendamt dieselbe Hilfe an. Doch sie lehnte ab.

„Sie weiß, was sie will“, sagte dazu die Sozialpädagogin. „Sie ist störrisch und hartnäckig fordernd im Jugendamt aufgetreten. Sie wollte sich nicht weiter so kontrollieren lassen.“ In die zunächst freiwilligen Hausbesuche und die Förderung über die Spielgruppe willigte sie aber ein.

Die Hausbesuche des Jugendamtes liefen zunächst auf freiwilliger Basis. Als die jetzt vor dem Landgericht wegen Vernachlässigung und Misshandlung ihrer Zwillinge angeklagte Mutter dann nach Angaben der Sozialpädagogin „sechs von acht Termine absagte“, ordnete das Amt ab Mitte November die Besuche an.

Marien-Hospital schlug beim zweiten Klinikbesuch Alarm

Das Wohl der Kinder sah es da aber noch nicht gefährdet. Diese besuchten an zwei Tagen in der Woche die Spielgruppe. Das „U-Heft“ über die Regeluntersuchungen war bis dahin korrekt geführt, lag dann aber länger im Marien-Hospital, weil die Mutter es nicht abholte. Dorthin hatte sie eins der Zwillingsmädchen schon im Oktober 2014 mit blauen Flecken auf der Stirn einmal gebracht, als es „krampfte“. Man habe sich da natürlich auch auf die gute Zusammenarbeit mit dem Krankenhaus und dessen Einschätzung verlassen, so die Mitarbeiterin des Jugendamtes.

Die Mutter durfte das Kind wieder nach Hause nehmen. Mitte Januar 2015, als sie die Zwillinge erneut wegen eines Krampfanfalls mit dem Rettungswagen ins Marien-Hospital bringen ließ, schrillten dort alle Alarmglocken. In einem vielleicht schon lebensbedrohlichen Zustand der Unterernährung kamen sie dort an. Näheres zur medizinischen Seite hofft man am nächsten Verhandlungstag (11. Februar) zu erfahren, an dem weitere Ärzte geladen sind.

Mutter an Prügelei im Krankenhaus beteiligt

Noch in der Klinik nahm das Jugendamt die Zwillinge in seine Obhut. Randgeschehen ist, dass die Mutter sich an diesem Tag im „Marien“ mit Angehörigen in einer angeblichen Familiensache prügelte und eine Knöchelverletzung davontrug. Um ihr auch die ältere Tochter zu entziehen, bestellte sie das Jugendamt für den nächsten Tag ohne nähere Angaben ein. Als sie begriffen habe, um was es ging, so berichtete die Mitarbeiterin (29) des Amtes, „ist sie sehr böse geworden und hat mit ihren Krücken nach uns gestochen“.

Ältere Tochter durfte zur Mutter zurück

Die ältere Tochter befindet sich heute wieder bei der Mutter. Diese setzte die Rückführung beim Amtsgericht durch – gegen die ausdrückliche Empfehlung des Jugendamtes.

Die Zwillinge leben seit einem Jahr in einem Kinderschutzhaus. „Extrem dünn, völlig apathisch und reglos, ohne jene Mimik und Gestik“ seien sie dort nach der Behandlung im Marien-Hospital angekommen, erinnerte sich die Leiterin (37). Die damals 21 Monate alten Mädchen hätten sich nur kurz auf den Beinen halten können. „Dann sind sie umgeplumpst. Selbst zum Robben oder Krabbeln waren sie zu schwach.“

Süßigkeiten als „Türöffner“

Die Nahrungsaufnahme sei zuerst sehr schwierig gewesen. Mit einem Becher oder einer Schnabeltasse hätten die Zwillinge nichts anzufangen gewusst, nur mit der Babyflasche „hat es funktioniert“. Brot kannten sie offensichtlich nicht, sie zerbröselten es nur. Nur Brei nahmen sie irgendwann auf. Bei den Besuchen der Mutter und des Vaters im Kinderschutzhaus bemerkten die Betreuer, dass diese sehr süße Getränke und andere Süßigkeiten mit Erfolg als „Türöffner“ einsetzten. Trennungsschmerz hätten die Kinder nicht gezeigt.

Den Kindern geht es wieder besser

Auch dank heilpädagogischer Frühförderung haben die Zwillinge in einem Jahr „rasante“ Fortschritte gemacht und ihre Altersgenossen in vielerlei Hinsicht wieder eingeholt – bei Größe und Gewicht sind sie aber noch hinterher. Noch nicht abschließend geklärt ist vor Gericht, wie es sich mit der „Stoffwechselkrankheit“ verhält, die die Mutter als Auslöser für die Unterernährung angegeben haben soll.

Johannes Kopps

Kommentare
28.01.2016
09:20
Wittener Jugendamt sah keine Warnsignale
von ukw123 | #3

auch wenn gleich wieder gewisse Leute laut werden...

Solche Frauen dürfen keine Kinder haben! Hoffentlich wirds ein richtig deutliches Urteil...
Man...
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Jugendamt Witten sah keine Warnsignale für Vernachlässigung
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2016-01-27 19:44
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