Wittener Gemeinde diskutiert über Reformwillen des Papstes

Pfarrer Hans-Otto Schierbaum neben einer Franziskus-Statue.
Pfarrer Hans-Otto Schierbaum neben einer Franziskus-Statue.
Foto: Walter Fischer
Was wir bereits wissen
Ein Vortrag zu den Ideen und Reformen von Papst Franziskus stieß in der katholischen Gemeinde in Bommern auf großes Interesse.

Witten..  Gut gefüllt ist das Gemeindehaus der katholischen Herz-Jesu-Gemeinde in Bommern an diesem Abend. „Kirche im Wandel – Papst Franziskus – ein Name wird Programm. Kann Papst Franziskus die Kirchenkrise wenden?“ lautet der Titel des Vortrages, den Pfarrer Schierbaum angekündigt hat und der offensichtlich auf großes Interesse stößt.

Der Papst, der seit nun fast zwei Jahren an der Spitze der katholischen Kirche steht, erregt mit seinen klaren und oft provokanten Botschaften viel Aufmerksamkeit und sorgt nicht nur in den Medien für zahlreiche Kontroversen. „Er ist ein sehr erfrischender Papst mit guten Ideen, der sich viel zutraut“, fasst Gemeindemitglied Dorothea Weisner ihren Eindruck zusammen. „Ich setze viele Hoffnungen in diesen Mann. Die Frage ist nur, ob er seine Reformen durchsetzen kann.“ Die 59-jährige ist gespannt, was der Pfarrer dazu zu sagen hat.

Krise des Glaubens

Nicht aus seiner eigenen Feder stamme der Vortrag, stellt Hans-Otto Schierbaum zu Beginn klar. Es sei der Text einer Rede, die der Jesuitenpater Eberhard von Gemmingen im vergangenen Jahr in Hagen gehalten hat. Die Grundthese ist dabei nicht die vielbeschworene Krise der Kirche, sondern die Krise des Glaubens, die auch zur Kultur- und Identitätskrise wird. Im Mittelpunkt der Betrachtungen steht das mittlere Europa: Während sich weltweit der christliche Glaube zunehmend ausbreitet und in Süd- und Osteuropa selbstverständlicher Teil des Alltags bleibt, wird hier der Glaube immer mehr aus dem öffentlichen Leben verdrängt. Um die genauen Ursachen dieser wachsenden Säkularisierung nachvollziehen zu können, wirft der Vortrag einen Blick auf die unterschiedlichen Mentalitäten der Völker Mitteleuropas und streift auch die geistesgeschichtliche Entwicklung, um erst danach zum eigentlichen Hauptthema vorzustoßen: Was will Papst Franziskus und wie können seine Reformen verwirklicht werden?

Nicht Reformer sei der neue Mann in Rom, sondern Prophet, nicht wirklich liberal, sondern radikal – radikal in der strikten Befolgung des Evangeliums: „Gott hasst die Sünde, aber liebt den Sünder.“ Daraus folge, dass die Forderungen des Papstes zwar revolutionär wirken, aber oft unrealistisch seien: „Franziskus entwickelt keine Strukturreformen, sondern Visionen. Er will durch Taten und Gesten überzeugen und verfolgt die Idee der Dezentralisierung der Kirche.“

Mehr konkrete Denkansätze erwünscht

Man hat den Eindruck, dass viele der Zuhörer sich weniger historische Hintergründe von dem Vortrag erhofft hatten und stattdessen mehr konkrete Denkansätze. In der dem Vortrag folgenden lebhaften Diskussion kommt dies zum Ausdruck. So widerspricht einer der Gäste vehement bereits der Grundthese, dass es sich in erster Linie um eine Glaubenskrise handle, die die Kirche bedrohe: „Das ist aus meiner Sicht schon ganz klar auch eine Krise der Kirche selbst, die sich in vielen Bereichen zeigt. Man muss ja nur an die Rolle der Frau denken.“ Das Kirchenmanagement, die Rolle der Kurie, die festgefahrenen Machtstrukturen, die Stellung zu Minderheiten und das Geschlechterbild werden von den Teilnehmern thematisiert. Man merkt, dass viele sich mit dem Gedanken beschäftigen, wie sich die vielversprechenden Ideen des Papstes umsetzen lassen. Theo Koppmann fasst dies sinnfällig im Bild des Papstes als Arzt zusammen: „Die Diagnose ist richtig, aber die Therapie ist noch unklar.“