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Verfolgung

Wittener Flüchtling schrieb: „Helft, wo ihr nur könnt!“

09.02.2016 | 19:02 Uhr
Wittener Flüchtling schrieb: „Helft, wo ihr nur könnt!“
Auch für Dr. Martina Kliner-Fruck, die erfahrene Leiterin des Stadtarchivs, sind diese Tagebuchaufzeichnungen etwas ganz Besonderes..Foto: Thomas Nitsche - Funke Foto Services

Witten.   Derzeit interessieren sich immer mehr für das Thema Flucht. Das Stadtarchiv liefert jetzt mit einem besonderen Dokument einen Beitrag zur Geschichte

Martina Kilner-Fruck ist ziemlich aufgeregt, als sie ein eng beschriebenes Tagebuch eines in Witten geborenen Diplom-Ingenieurs aus dem Jahr 1940 ganz vorsichtig mit ihren von Handschuhen bedeckten Fingern aus seiner Schutzhülle zieht.

Auch für die Leiterin des Stadtarchivs, der in ihrer langjährigen Tätigkeit schon viele besondere Dokumente unterkamen, ist dieses Zeitzeugnis etwas Außergewöhnliches: „Es gibt nur ganz wenige Zeitzeugen, die ihr Schicksal in dieser Form beschrieben haben. Also die ihre persönlichen Erfahrungen und Emotionen genau aus der Situation der Flucht heraus in einem Tagebuch festgehalten haben.“

Ehefrau stirbt auf der Überfahrt an einer Seuche

Gerade zur Zeit sei Flucht ein großes Thema. In den vergangenen Monaten fand das Stadtarchiv verstärkt Zulauf vor allem von Schülern, aber auch Erwachsenen, die Migration in der Geschichte, insbesondere der Nazi-Zeit, erforschen wollen. „NS-Verfolgung hat viele Gesichter“, sagt Dr. Kliner-Fruck, „Flucht ist ein Aspekt davon, wie man das Thema mit Schülern besprechen kann.“

Das besondere Tagebuch, das Nachfahren vor etwa einem Jahr dem Stadtarchiv zur Abschrift und Aufbewahrung überließen, sei ein eindrückliches Beispiel einer Fluchtgeschichte, bei der viele Aspekte gerade aus heutiger Sicht besondere Bedeutung gewännen. Die Aufschriebe stammen aus der Feder eines 1889 in Witten geborenen jüdischen Diplom-Ingenieurs.

1938 floh er gemeinsam mit seiner Frau über Polen nach Palästina. Die beiden Kinder fanden Aufnahme in England. Das Ehepaar reiste auf überfüllten Schiffen über das Schwarze Meer. Während die Frau während der Überfahrt einer Seuche erlag, wurde der verwitwete Flüchtling aus Deutschland als illegaler Einwanderer zunächst in einem britischen Gefängnis inhaftiert. Später fand er Unterschlupf bei Tel Aviver Familien und überlebte. Aspekte wie die Verfolgung, die Situation der Flucht, die Erfahrungen mit Schleppern, die versuchten, möglichst viel Profit aus der Situation der Flüchtenden zu schlagen, die Situation, nicht ohne weiteres in das rettende Land gelassen und schließlich zu einem illegalen Einwanderer zu werden und auf Hilfe anderer angewiesen zu sein, machen das Tagebuch zeitlos.

„Nicht vor Wahnsinns-Lokal-Patriotismus jeden anderen Menschen verdammen“

Martina Kliner-Fruck: „Mit der Sensibilisierung für solche Erfahrungen aus den historischen Zusammenhängen kann man gleichzeitig für Themen der Gegenwart sensibilisieren. Wenn sich Schüler mit Terror, Diktatur und Verfolgung beschäftigen, erfahren sie, wie wichtig es ist, demokratische Werte zu schützen.“

Das Tagebuch wird zur Zeit noch bearbeitet, ist der Öffentlichkeit noch nicht zugänglich. Einzelne Passagen zeigt Martina Kliner-Fruck aber gerne schon jetzt. Zum Beispiel diese, die der Wittener in der Annahme er würde nicht überleben, an seine Kinder schrieb: „Denkt, was man uns allen getan – und gehört zu der Sorte Menschen, die dem Nachbarn behilflich, die nicht vor Wahnsinns-Lokal-Patriotismus jeden anderen Menschen verdammen. Gehört zu denen, die helfen und stützen, wenns nottut. Denkt daran, dass alle wir Flüchtlinge waren und helft, wo Ihr nur könnt, Menschen, die sich in einer Lage befinden, die der unsrigen, heutigen irgendwie ähnelt. Helft, helft, helft!“

Kristina Gerstenmaier

Kommentare
09.02.2016
19:22
1989 geboren und 1938 geflohen?
von p.s.a | #1

Aber es ist ja auch schon spät.

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Wittener Flüchtling schrieb: „Helft, wo ihr nur könnt!“
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http://www.derwesten.de/staedte/witten/wittener-fluechtling-schrieb-helft-wo-ihr-nur-koennt-id11551042.html
2016-02-09 19:02
Witten