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Wittener Eisenwerke Böhmer stecken in schwerer Krise

05.11.2015 | 18:18 Uhr
Wittener Eisenwerke Böhmer stecken in schwerer Krise
Die Eisenwerke Böhmer gehören zu den Wittener Traditionsunternehmen. Auftragsmangel und der starke Wettbewerb machen dem Betrieb in Annen schwer zu schaffen. Foto: Thomas NitscheFoto: Thomas Nitsche/Archiv

Witten.   Der Betriebsrat spricht von „Erpressung“, für die Firmenspitze ist es der einzige Rettungsweg. Ohne Sparpaket drohe im schlimmsten Fall Insolvenz.

Die Eisenwerke Böhmer stecken in einer schweren Krise. Die Geschäftsführung hat den Betriebsrat und die IG Metall vor die Wahl gestellt, entweder ein Fünftel der Personalkosten einzusparen – oder man werde ernsthaft eine Insolvenz in Erwägung ziehen.

Die heute 195 Mitarbeiter des Annener Traditionsunternehmens gehen durch ein Wechselbad der Gefühle. Seit 2006 läuft ein Haustarifvertrag, mit Lohneinbußen zwischen 8 bis 13 Prozent gegenüber dem Flächentarif der IG Metall. Im Juni standen, vor allem wegen der schlechten Auftragslage in der Gießerei, 43 betriebsbedingte Kündigungen zur Debatte.

Weihnachts- und Urlaubsgeld soll gestrichen werden

Betriebsrat und Gewerkschaft verhandelten mit der Chefetage über Sozialplan und Sanierungstarifvertrag, um diese Zahl deutlich zu drücken. Man habe über Arbeitszeitverkürzung und Altersteilzeit gesprochen, so Betriebsratsvorsitzender Carsten Ikonomidis, aber auch über die nötige Verbesserung von Betriebsabläufen. Als die Geschäftsführung Mitte August aus den Sozialplanverhandlungen ausstieg, feierte der Betriebsrat das in einem Flugblatt schon als Erfolg auf ganzer Linie. Doch dann kündigte die Firma den Haustarifvertrag für Ende November auf.

Im Betriebsausschuss am 30. Oktober legte die Geschäftsführung ihrerseits ein Forderungspaket auf den Tisch: In einem neuen Haustarifvertrag soll die Belegschaft auf weitere fünf Prozent Lohn verzichten, außerdem aufs Weihnachtsgeld (55 Prozent eines Monatslohns) und aufs Urlaubsgeld (50 Prozent). Hinzu kämen 15 betriebsbedingte Entlassungen. Das Unternehmen hat ein gesamtes Einsparvolumen von 1,5 Millionen Euro errechnet – 20 Prozent der Personalkosten.

Insolvenzberater kam gleich mit zur Sitzung

„Wir waren geplättet“, sagt Ikonomidis. Denn zu dieser Sitzung hatte die Geschäftsführung bereits einen renommierten Insolvenzberater hinzugeladen. Damit habe er den Betriebsrat vor die klare Alternative gestellt: Zustimmung bis Ende November – andernfalls werde man die Einleitung eines Insolvenzverfahrens prüfen. „Das ist Erpressung“, sagt Inkonomidis, „wir lassen uns aber nicht vorführen.“

Geschäftsführer Erik Böhmer sprach gegenüber der WAZ von „Plan A“, die erhoffte Einigung mit der Belegschaft, und „Plan B“, den man für ein Scheitern der Gespräche in der Tasche haben wolle. „Eine Insolvenz ist aber für uns der allerletzte Ausweg, den wir auf jeden Fall vermeiden wollen“, betonte Böhmer nachdrücklich. Es stimme, dass ein externer Rechtsberater mit am Tisch gesessen habe. „Zur Zeit ist er aber unser Sanierungsberater und noch nicht unser Insolvenzanwalt.“

Mit einem Großkunden 25 Prozent des Umsatzes verloren

Böhmer verweist auf Auftragsmangel und schwieriges Fahrwasser in der Branche: Vor drei Jahren habe man mit einem Großkunden 25 Prozent des Umsatzes verloren. Der Wettbewerb beim Stahlguss sei gerade durch Konkurrenz aus der Türkei „sehr scharf“ geworden, Öl- und Erzlieferanten setzten wegen niedriger Rohstoffpreise Investitionen aus.

In den Betriebsjahren 2013 und 2014 haben die Eisenwerke laut Erik Böhmer jeweils einen Verlust von 1,5 Millionen Euro eingefahren. Dieses Minus hätten jeweils „wir als Familien und Gesellschafter“ aufgefangen. Diese hätten mit ihrem eigenen Vermögen die Liquidität des Unternehmens sichergestellt.

Die geforderten Einsparungen bei den Personalkosten summieren sich ebenfalls auf 1,5 Mio Euro. „Dieses Volumen benötigen wir, um wieder zu einem positiven Ergebnis zu kommen“, so Böhmer.

Betriebsrat fordert schlüssiges Zukunftskonzept

Der Betriebsrat hat den für Donnerstag (5. Oktober) geplanten Verhandlungstermin ausfallen lassen. Er besteht darauf, ebenfalls einen externen Rechtsberater heranzuziehen, was ihm das Unternehmen inzwischen auch zugestanden hat.

Betriebsratsvorsitzender Carsten Ikonomidis schließt ein Entgegenkommen grundsätzlich nicht aus. „Die Belegschaft bringt seit Jahren Opfer und würde nach meinem Gefühl auch weitere bringen, aber nicht, wenn nur gefordert wird und nicht gleichzeitig auch eine Zukunftsperspektive aufgezeigt wird.“ Ikonomidis mahnt vor allem Investitionen an.

Die fordert auch Lars Beez, politischer Sekretär der IG Metall Witten. „Wenn es kein plausibles Zukunftskonzept gibt, wird die Gewerkschaft der Belegschaft nicht zu Zugeständnissen bei den Personal- und Lohnkosten raten.“

Böhmer: Jedes Jahr investiert

„Wir investieren jedes Jahr in den Betrieb“, sagt Geschäftsführer Erik Böhmer. Vor fünf Jahren haben man die neue Handformerei gebaut, jeweils eine halbe Million habe man aktuell in die Erneuerung von zwei Warmbehandlungsöfen und in eine neue Absauganlage gesteckt. „Plan A ist mir lieber, aber alleine schaffen wir das nicht – wir müssen die Mitarbeiter mit ins Boot nehmen.“

Johannes Kopps

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2015-11-05 18:18
Witten