Wittener Autoren-Lesung: Kinder stranden in fremdem Land

Bei der Lesung in der Stadtbücherei: Autorin und Journalistin Kerstin Glathe.
Bei der Lesung in der Stadtbücherei: Autorin und Journalistin Kerstin Glathe.
Foto: Barbara Zabka FUNKE Foto Service
Die Wittener Autorin Kerstin Glathe las in der Stadtbücherei aus ihrem Flüchtlingsbuch „Mondlandung“ vor. Die Novelle ist in der Bibliothek leihbar.

Witten..  Es war eine sehr persönliche Lesung. Die Wittener Autorin Kerstin Glathe hatte ihre dokumentarische Novelle „Mondlandung“ in der Stadtbücherei dabei. Feinfühlig und empfindsam beobachtet, aber dennoch haarscharf beschrieben, schildert sie in dem Buch die Geschichte zweier Flüchtlingskinder, die bereits vor 15 Jahren im menschlich und klimatisch kühlen Deutschland strandeten. Die Kinder waren so unterschiedlich - wie man es sich nur vorstellen kann.

Ihre Namen sind fiktiv und stehen symbolisch für viele Kinder dieser Welt: Ibrahim und Hui. Der Junge kommt aus Guinea in Westafrika. Das Mädchen aus dem Süden Chinas. Das Buch „Mondlandung“ ist die greifbar gewordene Geschichte ihrer Träume, der Verzweiflung und Angst. Die Autorin Kerstin Glathe spielt in der Novelle indirekt eine Hauptrolle, denn sie ist die Frau, die dem Elend dieser beiden Kinder in den Heimen für „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ nicht länger den Rücken kehren kann. Gestrandet waren Ibrahim und Hui in Heimen im Dortmunder Norden. Aber Glathe erzählt in der dritten Person. „Anonymisiert“ — wie sie selbst sagt.

Kerstin Glathe engagierte sich sehr persönlich. Ehrenamtlich. Sie übernahm schließlich die Vormundschaft für die beiden Heranwachsenden. Mit vielen ungeahnten Hürden und Problemen. In ihrem Buch beschreibt sie aus verschiedenen Perspektiven die Migration in Deutschland. Ohne Feindbilder aufzubauen. Aber im Mittelpunkt stehen ihre eindrucksvollen Schilderungen der Angst der Kinder, die ihnen anscheinend niemand zu nehmen weiß.

Mädchen ist verheiratet, Junge hat eigenen Weg noch nicht gefunden

Unter ihrer Obhut wurden die beiden Flüchtlingskinder schließlich Erwachsene. Lernten mit den eigenen Sprößlingen die deutsche Sprache. Aber die verlorene Heimat fanden sie nicht wieder. Das chinesiche Mädchen ist inzwischen verheiratet, Mutter von drei Kindern. Der afrikanische Junge hat seinen eigenen Weg in der Fremde noch nicht gefunden.

25 Bürger waren gekommen, um nach der Lesung nicht nur über das Buch, sondern auch über die aktuelle Situation von Flüchtlingen zu diskutieren. Ganz besonders über jene, die Zuflucht in Witten gefunden haben. Mit bei der Diskussion war auch Lilo Dannert vom „Help-Kiosk“ am Rathaus. „Isolation und Angst sind die größten Probleme“, betont sie. „Durch gemeinsames Arbeiten können wir Weichen für andere Perspektiven stellen.“

Der Buchtitel „Mondlandung“ symbolisiert die Situation vieler Flüchtlinge. Erwachen in einer Umgebung, die so fremd erscheint wie auf dem Mond. Die Stadtbibliothek hat das bewegende Buch „Mondlandung“ schon lange in seinem Bestand. „Wegen der besonderen Aktualität und Brisanz des Themas haben wir die Autorin zu einer Lesung eingeladen“, betont Leiterin Christine Wolf. Ein stilles Buch, das sich zu lesen mehr als lohnt. Flüchtlinge erhalten übrigens einen kostenlosen Leseausweis.