Witten hat Nachholbedarf bei Inklusion

Schillergymnasiast Thilo Prünte (12) wünscht sich einen barrierefreien Einstieg in die Straßenbahnlinie 310.
Schillergymnasiast Thilo Prünte (12) wünscht sich einen barrierefreien Einstieg in die Straßenbahnlinie 310.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Die Stadt Witten will die UN-Behindertenrechtskonvention von 2008 endlich umsetzen. 170 Bürger sammelten bei der Auftaktveranstaltung Ideen für lokalen Aktionsplan. Bis zur Inklusion ist es noch ein weiter Weg.

Witten..  Über sechs Jahre ist es her, dass das von der UNO-Generalversammlung verabschiedete „Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ in Kraft trat. Erst jetzt will auch die Stadt Witten die Behindertenrechtskonvention umsetzen. Rund 170 Bürger kamen am Wochenende zur Auftaktveranstaltung in den Saalbau und sammelten Ideen für einen lokalen Aktionsplan.

Neben zahlreichen geladenen Gästen von Verwaltung und Vereinen brachten auch viele interessierte Menschen mit Behinderung in den moderierten Arbeitsgruppen ihre Erfahrungen und Wünsche zur Sprache. Hoch her ging es zum Beispiel an der Station „Öffentlicher Raum“, wo auf einer Stellwand Anregungen und Beschwerden über Busse und Bahnen zusammengetragen wurden.

310 noch nicht barrierefrei

„Die Straßenbahn 310 müsste endlich barrierefrei werden“, sagt etwa Birgit Prünte. Mehrere Stufen müssen erklommen werden, eine Haltestange in der Mitte verengt den Einstieg: Ein Rollstuhl wie der von Sohn Thilo (12) kommt dort kaum rein. Auch für Senioren mit Rollatoren ist das Zusteigen schwer. Dass der Nahverkehr das am meisten diskutierte Thema war, wundert Planer Andreas Müller nicht.

„Für viele Behinderte, die nicht Auto fahren können, sind Bus und Bahn eine Grundbedingung, um am öffentlichen Leben teilhaben zu können“, erklärt Müller. Allein mit ebenerdigen Einstiegen ist es aber nicht getan. Vor allem Sehbehinderte und Blinde wünschen sich mehr Haltestellendurchsagen und Erklärungen in Blindenschrift. Die große Gruppe der teilnehmenden Gehörlosen ärgert es, wenn elektronische Anzeigen ausfallen.

Völkerrechtlicher Vertrag sichert volle Teilhabe zu

„D i e Behinderung gibt es nicht“, sagt Gymnasiast Thilo, der zu den wenigen jungen Teilnehmern gehört. Im Kinder- und Jugendparlament (Kijupa) setzt er sich für Betroffene ein. „Bislang fehlen Spielplätze, die behindertengerecht sind.“ Dank des Kijupas soll zumindest der Spielplatz im Lutherpark bald einen Rollstuhlparcours bekommen. Darauf ist der Zwölfjährige besonders stolz.

Ansonsten sei das Freizeitangebot für Menschen mit Behinderung schon gut, das wurde auch an der entsprechenden Stellwand deutlich. Großes Manko hier: Vielen Sportstätten fehlen noch barrierefreien Umkleiden und Duschen. Selbst Arztpraxen seien oft nur über Stufen erreichbar, heißt es.

Dass der Weg bis zum Ziel – dem Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung unter den gleichen Bedingungen – ein steiniger würde, darauf bereitete Sozialarbeiter Marcus Windisch die Wittener vor. „Ich vergleiche es mit einer Bergexpedition.“ Bis der Gipfel erklommen und die Aussicht genossen werden könne, dauere es. Bis Ende 2016 soll der Aktionsplan zur Umsetzung der Behindertenrechtskonvention diskutiert und beschlossen werden.