Witten – eine Stadt im rasanten Wandel

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Bis 1970 erlebte Witten eine wirtschaftliche Blüte. Ein Gespräch mit Historiker Prof. Schoppmeyer über die jüngere Geschichte seiner Heimatstadt.

Witten..  Niemand hat sich so intensiv mit der Wittener Geschichte befasst wie Prof. Dr. Heinrich Schoppmeyer. Der Historiker hat das Standardwerk verfasst, in dem er auf 1050 Seiten die 800-jährige Stadtgeschichte erzählt. Aus Anlass seines 80. Geburtstags sprach Lokalredakteur Johannes Kopps mit dem gebürtigen Wittener über die jüngere Geschichte seiner Heimatstadt.


Wenn ein Historiker in 50 Jahren zurückschauen wird, welches Etikett würde der für die geschichtliche Phase wählen, in der sich Witten gerade befindet?
Schoppmeyer: Er könnte sie nicht anders beschreiben als eine Periode des rasanten Wandels auf allen Ebenen. Dieser kennzeichnet die Wittener Geschichte eigentlich schon seit 1918, aber besonders seit 1970/1975. Damals fing die Bedeutung der Montanindustrie in Witten an zu wackeln, die Talfahrt der gewerblichen-industriellen Arbeitsplätze begann. Gleichzeitig gab und gibt es in Witten nicht hinreichend viele – und vor allem nicht viele besonders qualifizierte – Stellen im Dienstleistungsgewerbe.


Bis zum diesem Wendepunkt konnte die „Stadt der Stahlkocher“ aber doch vor Kraft kaum laufen . . . ?
Dieser Name kam erst auf, als es mit der Branche abwärts ging. Bis dahin verstand sich Witten ironischerweise noch als die „Stadt im Kranz der Hügel und Wälder“.


Was führte zur wirtschaftlichen Blüte der 50er und 60er Jahre?
Die Montanindustrie, nicht nur in Witten, hat von verschiedenen Katastrophen profitiert. Nach 1918 war sie im Niedergang begriffen, nicht nur wegen der Weltwirtschaftskrise, sondern auch strukturell. Sie ist auf die Beine gestellt worden durch die Rüstungspolitik des „Dritten Reiches“. Weil nach dem Krieg alles zerstört war, hat das Eisen- und Stahlgewerbe vom Wiederaufbau enorm profitiert. Die Zahl der Industriebeschäftigten verdoppelte sich von 1950 bis 1960 auf 20 331. Als der Bauboom in den 60er Jahren zu Ende ging, war die Metallindustrie genötigt, auf andere Produkte umzustellen, von Baustahl konnte sie nicht mehr leben.


Was lief dann falsch?
In einem Gutachten von 1967 stand: Witten ist im gewerblichen Sektor überproportional stark, das lässt sich aber nicht halten, es müsste an Dienstleistung gedacht werden. Das war eine Stelle, wo man die Weichen richtig hätte stellen müssen. Das ging aber in Witten nicht.


Wo lag das Problem?
Industrie, Politik aber auch die Bevölkerung waren der Meinung, es brummt ja, was sollten wir ändern? Und: Die Mehrheitspartei war groß geworden mit Bergbau- und Metallindustrie, Oberbürgermeister Ottlinger war gleichzeitig Bevollmächtigter der IG Metall. Umzusteuern war da ein schwieriges Unterfangen. Es hätte sozusagen eines Schröders bedurft, um das zu machen . . .


Warum haben die Wittener nie die Opposition rangelassen?
Die CDU war nach dem Krieg auch kleinbürgerlich wie die SPD, aber katholisch. Bei nur einem Drittel Katholiken in Witten war diese Kirchennähe ein Problem. Die FDP entstand, weil bestimmte Wähler, die im evangelischen Bereich verankert waren, die CDU schon deshalb nicht wählten, weil der Parteivorsitzende Vogelbein Kirchenvorstandsvorsitzender in St. Marien war.


Hätte die CDU es besser gemacht?
Das ist reine Spekulation. Prinzipiell kann man feststellen: Es sind jetzt bald 70 Jahre unter der gleichen Couleur gelaufen, so etwas ist nicht gut für eine Stadt.


Wie unabhängig sind Sie als Historiker in ihrem Urteil über die Union? Sie waren 1972 bist 1974 ihr stv. Kreisvorsitzender. Bis 1997, als sie wegen Michael Hasenkamp austraten, waren sie Parteimitglied.
Ach, ich fühle mich da nicht gebunden. Ich habe auch, als ich im Vorstand war, auch auf Parteitagen, kritisch agiert. Die Geschichte der Wittener CDU ist kein Ruhmesblatt.
Die Stadt Witten hat seit 1991 Schulden angehäuft, ist seit 2010 überschuldet – liegt das an überörtlichen Faktoren oder sind die Probleme hausgemacht?

Beides. Mit den Kassenkrediten zur Überbrückung kurzfristiger Zahlungsengpässe fing es an. Die Warnsignale blinkten lange vor 1991 schon auf. Was die hausgemachten Gründe betrifft: Die Stadt baute den Haushalt von der Ausgabenseite auf, statt von der Einnahmenseite her. Sie wirtschaftete nicht wie die schwäbische Hausfrau. Beispielsweise hat sie während der Krise der Metallindustrie um 1984, als die Arbeitslosigkeit bei 14 Prozent lag, in bester Absicht Leute eingestellt. Sie betrieb aktive Beschäftigungspolitik, statt von den Notwendigkeiten der Verwaltung her zu denken. Dabei hatte die Übernahme der Mitarbeiter der Stadt Herbede 1975 die Beschäftigtenzahl schon in die Höhe getrieben. Im Zusammenhang mit der wiedervereinigungsbedingten deutschen Sonderkonjunktur stellte die Stadt Witten 1991/1992 wegen zu optimistischer Prognosen zirka weitere 150 Mitarbeiter ein.

Schwerpunkte Mittelalter und Landeskunde

Heinrich Schoppmeyer, geboren 1935 in Witten, promovierte 1966 über den Bischof von Paderborn und seine Städte. Ab 1969 lehrte der Wittener an der Ruhruniversität Bochum, war dort von 1981 bis 2004 Professor für Geschichte des Mittelalters und Westfälische Landesgeschichte.

Von 1997 bis 2011 war er Vorsitzender des Vereins- für Orts- und Heimatkunde in der Grafschaft Mark (heute Ehrenvorsitzender). Sein zweibändiges Standardwerk „Witten - Geschichte vom Dorf, Stadt und Vororten“ , Witten 2012, ist im Buchhandel für 39,30 Euro erhältlich.

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