Wie Flüchtlingskinder in Witten Deutsch lernen

Samanta (14), Rafaela (12), Dana Vukmann (23 - Praxissemester), Aleksandra (17) und Kirit (14) (v.li) nehmen am Unterricht in der DaZ-Klasse (Deutsch als Zweitsprache) an der Otto-Schott-Realschule teil
Samanta (14), Rafaela (12), Dana Vukmann (23 - Praxissemester), Aleksandra (17) und Kirit (14) (v.li) nehmen am Unterricht in der DaZ-Klasse (Deutsch als Zweitsprache) an der Otto-Schott-Realschule teil
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Pauken für eine Perspektive: In einer Klasse an der Otto-Schott-Realschule lernen Jugendliche aus neun Ländern Deutsch.

Witten..  Eine bessere Klasse könnte sich Realschul-Lehrerin Jennifer Pahne nicht vorstellen. Ihre Schüler stehen respektvoll auf, wenn ein Erwachsener den Raum betritt. Aus Gewohnheit. Ganz freiwillig bitten einige der 19 Schüler die 32-Jährige um zusätzliche Hausaufgaben. „Kannst du mir die Tabelle mit den Präteritumsformen kopieren?“ fragt ein Junge in holprigem Deutsch, der vor kurzem noch im syrischen Aleppo lebte.

Andere kommen aus Bulgarien, Polen, Italien, dem Irak, Serbien, Russland, Lettland oder Portugal. Kinder aus diesen Ländern besuchen die Klasse für „Deutsch als Zweitsprache“, kurz DaZ. Ende Oktober wurde der Kurs an der Otto-Schott-Realschule eingerichtet, als die Zahl der Flüchtlingskinder deutlich stieg. An allen Wittener Schulen werden die Seiteneinsteiger in normale Klassen gesetzt – ohne vorher Deutsch zu lernen oder das lateinische Alphabet zu kennen. Wie ist das, wenn man nichts versteht? „Langweilig“, sagt Mohamad. Zwei Stunden pro Tag werden die Kinder in der DaZ-Klasse unterrichtet – Herkunft, Alter sind hier egal.

Allein zu Fuß nach Deutschland

Mohamad Moumen Jebrini ist allein in Witten. Mit seiner Familie flüchtete er aus Aleppo in die Türkei, wo seine Eltern und Brüder geblieben sind. „Aber ich wollte nach Deutschland“, sagt der 15-Jährige. „Hier helfen einem die Menschen, ich kann zur Schule gehen.“ So machte sich der Junge allein auf den Weg, lief zu Fuß von Griechenland über den Balkan. Vor vier Monaten kam er in Witten an.

Nun lebt er mit anderen deutschen Jugendlichen in einer WG. Die Sprache lernt er über Youtube-Videos, die er sich auf seinem Handy anguckt. In Syrien sei er ein sehr guter Schüler gewesen. „Ich will Abi machen und studieren“, sagt er selbstbewusst. Viel Zeit zum Lernen habe er ja.

An der Otto-Schott-Realschule lernte er Malik kennen, in Witten geboren, als Kind libanesischer Eltern. Diese multikulturellen Schüler sind ein Glücksfall für die Schule. Malik übersetzt für Mohamad auf Hocharabisch. „Wie kann man mit 15 Jahren eine so weite Strecke laufen, über so hohe Berge?“ fragt Malik fassungslos.

Viele erhoffen sich ein besseres Leben

In der DaZ-Klasse sind nur ein Viertel der Kinder Kriegsflüchtlinge. Die anderen Schüler hat es aus den unterschiedlichsten Gründen nach Witten verschlagen. Weil die Eltern hier Arbeit gefunden haben oder sich ein besseres Leben für ihre Familie erhoffen. „Hier sind die Menschen viel freundlicher. Es gibt Regeln für den Alltag. In Albanien machen die Menschen, was sie wollen“, sagt Ester Peci.

Die Zwölfjährige sitzt mit geradem Rücken am Pult, schreibt sauber ihre Aufgaben. Genau heute vor einem Jahr traf sie mit Papa, Mama und Schwester in Deutschland ein. Als sie im Sommer in die fünfte Klasse kam, sprach sie erst nur Englisch mit ihrer Lehrerin. Inzwischen komme sie auf Deutsch gut mit. „Meine Eltern machen auch einen Sprachkurs. Aber ich bin besser“, sagt sie und wird ein bisschen rot.

Aus Venedig nach Witten

Ist es nicht besser, wenn diese Kinder vor dem Schulbesuch erst einmal Deutsch lernen? Nein, meinen die Experten. Sonst nehme man ihnen die Chance, etwa auf dem Schulhof deutsche Kinder kennenzulernen“, sagt Lehrerin Jennifer Pahne. Schulleiter Jürgen Glaubitz beruft sich auf Erfahrungen, die er vor vielen Jahren mit Spätaussiedlern machte. „Pfiffige Kinder beherrschen in einem halben oder dreiviertel Jahr die Sprache.“

Auch Glara Mohamed ist eine solche Schnelllernkandidatin. Im August verließ die Familie das schöne Venedig. „Ich vermisse Italien sehr“, sagt die quirlige 14-Jährige. „Witten ist nur gut, weil ich jetzt eine Freundin habe und weil Frau Pahne so cool ist.“ An einsamen Nachmittagen in Witten hat Glara deutsches Fernsehen geguckt und alle Worte, die sie nicht verstand, auf eine Liste geschrieben. Morgens bekam ihre Lehrerin den Zettel – und ein halbes Jahr später spricht Glara fast perfekt Deutsch.

Fast wie Einzelunterricht

19 Kinder besuchen zurzeit die „DaZ“-Klasse („Deutsch als Zweitsprache“) der Otto-Schott-Realschule. Das sind nicht viele. In der Praxis sieht man aber, dass es nicht mehr sein dürften: Alle Kinder bräuchten fast Einzelunterricht. Zwei Deutschlehrer plus Praktikanten kümmern sich um die Kinder, die je nach Leistungsniveau in kleinen Gruppen betreut werden.

Wie an anderen Wittener Schulen (etwa Holzkamp oder Freiligrath) ist es auch an der Otto-Schott-Realschule kaum möglich, weitere „Seiteneinsteiger“-Kinder aufzunehmen, so Rektor Jürgen Glaubitz. Die Klassen wachsen nicht nur durch Flüchtlinge. Hinzu kommen auch Kinder, die vom Gymnasium oder von der Gesamtschule abgehen. Ein Beispiel: Die Stufe 6 sei in anderthalb Jahren von 78 auf 97 Schüler gewachsen. Im Sommer werden diese von jetzt drei auf dann vier Klassen verteilt.