Wenn der Chef die Kanzel mit dem Hörsaal tauscht

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Was wir bereits wissen
Ingo Neserke geht seit drei Monaten wieder zur Uni. Warum nicht nur der Superintendent des Ev. Kirchenkreises sein Studiensemester klasse findet

Morgens Vorlesung, mittags Mensa, nachmittags Hauptseminar: Der typische Tag von Ingo Neserke unterscheidet sich im Moment nicht von dem eines typischen Studenten. WAZ-Redakteurin Tina Bucek sprach mit dem Superintendenten des Ev. Kirchenkreises Hattingen-Witten über seine berufliche Auszeit, die Freude am Lernen, und warum Weiterbildung nicht nur dem Chef, sondern allen Mitarbeitern nützt.

Herr Neserke, kommen Sie gerade aus der Vorlesung?

Nein, dafür ist es zu früh. (lacht) Meine Vorlesungen beginnen heute immer noch wie früher studentisch entspannt. Nicht eher als viertel nach zehn. Meine erste Veranstaltung habe ich heute um viertel nach zwölf.

Sie sind seit zehn Jahren Superintendent. Das heißt, Sie sind Chef von rund 700 Mitarbeitern. Dass der Chef sich eine Auszeit nimmt, ist heute immer noch ungewöhnlich. Warum haben Sie sich dazu entschlossen?

Unser Arbeitgeber (die Ev. Kirche von Westfalen, Anm. d. Red.) gibt uns die Möglichkeit, nach zehn Jahren im Beruf ein Studiensemester zu absolvieren. Dafür werden wir freigestellt, und immer mehr Kollegen nehmen das wahr. Im Moment etwa zehn bis 20 Prozent aller Pfarrer. Sie gehen ein Semester lang zurück zur Uni und studieren Theologie. Und kommen nach einem halben Jahr bereichert und hoch motiviert zurück in den Job. Ich habe das bei den Pfarrern in unserem Kirchenkreis gesehen – und mir gedacht: Warum soll der Superintendent das nicht auch machen können?

Zwei Tage Münster, zwei Tage Bochum

Hört sich plausibel an. Trotzdem kann es problematisch werden, wenn jemand in einer so verantwortungsvollen Position plötzlich einfach aussteigt.

Plötzlich ist das ja nicht passiert. Nach den ersten Überlegungen brauchte es ja erstmal eine lange Vorlaufzeit. Über ein Jahr haben meine Kollegen und ich daran gearbeitet, wie man meine Aufgaben in den vier Monaten meiner Abwesenheit auf anderen Schultern verteilen könnte. Hätte meine Stellvertreterin nicht die Bereitschaft signalisiert, dabei mitzuspielen, hätte es mit der Auszeit auch nicht geklappt. .

Und wie fühlt es sich an, nach 20 Jahren im Beruf wieder Student zu sein?

Klasse. Ich habe vier Veranstaltungen in Münster – da fahre ich immer mit dem Fahrrad hin und her. Und an der Uni Bochum bin ich ebenfalls an zwei Tagen. In den Seminaren beschäftigen wir uns mit der theoretischen Unterfütterung dessen, was ich meiner praktischen Arbeit täglich tue. Da lerne ich eine Menge. Sehe Dinge aus einer neuen Perspektive. Und der Austausch mit meinen Mitstudenten ist sehr bereichernd. Das werden ja in Zukunft mal meine Kollegen sein – und viele haben einen ganz anderen Hintergrund, als es Theologie-Studenten unserer Generation hatten. Manche sind erst in der Konfirmandenzeit oder durch neue Jugendgottesdienste zur Kirche gekommen. Durch diese guten Angebote in unseren Gemeinde ist die Zahl derjenigen, die Pfarrer werden wollen, stark gestiegen.

Profitieren vom anderen Blickwinkel

Reden die denn mit Ihnen?

Ja klar, ins Gespräch zu kommen, ist erstaunlich leicht. Wenn wir in kleinen Gruppen diskutieren und es geht um die praktische Ausübung von Glauben und die Gestaltung von Kirche – dazu habe ich natürlich viel zu sagen, weil es mein tägliches Brot ist. Da merken die schnell, dass sie von meiner Erfahrung profitieren können. Und ich profitiere umgekehrt von ihrem so anderen Blickwinkel.

Müssen Sie auch Prüfungen machen?

Zum Glück nicht. Das gibt mir natürlich viel Freiheit. Aber der Lesestoff, den ich so mitnehme aus den Seminaren, ist schon enorm.

Im Vergleich zu Ihrer Studienzeit vor 25 Jahren: Was hat sich verändert?

Mittags nach der ersten Veranstaltung gehe ich natürlich, wie die meisten meiner Kommilitonen, in die Mensa. Und ich muss sagen: Die Bochumer Mensa ist viel besser geworden. Sie hat viel mehr im Angebot als früher.

Bereicherung für alle

Was sagt Ihre Familie dazu, dass Sie plötzlich wieder Student sind?

Die findet das toll. Auch, weil ich abends viel mehr Zeit für meine Kinder habe. In meiner Funktion als Superintendent habe ich ja sonst viele Abendtermine und verpasse Zuhause auch viel.

Andere Chefs belächeln Sie vielleicht und sagen: Sowas können WIR uns nicht leisten. Können Sie so eine Auszeit trotzdem empfehlen?

Unbedingt. Es haben ja alle etwas davon. Ich selbst lerne dazu, nehme neue Blickwinkel ein, kann meine Arbeit auf den Prüfstand stellen und bestenfalls verbessern. Davon profitiert mein Arbeitgeber und auch meine Mitarbeiter. Und es profitiert die Gemeinde, wenn ihr Pfarrer motiviert mit neuen Impulsen zurück kommt. Sie sehen: Eine solche Erfahrung kann eine Bereicherung für alle Beteiligten sein.