Weitere 15 Stolpersteine erinnern an Nazi-Morde

"Stolpersteine" in der Innenstadt von Witten.
"Stolpersteine" in der Innenstadt von Witten.
Foto: FUNKE Foto Services
Seit März letzten Jahres wurden bereits 50 Stolpersteine in Witten verlegt. Im November kommen weitere hinzu, die an 15 Opfer der Nazis erinnern.

Witten.. Zum vierten Mal werden in der kommenden Woche Stolpersteine in Witten verlegt. Sie erinnern auf besondere Weise an die von den Nationalsozialisten verfolgten und ermordeten Bürger dieser Stadt und klären über ihr Schicksal auf. Die im Boden versenkten Gedenksteine wurden von Künstler Gunter Demnig entworfen und sind mittlerweile im gesamten Bundesgebiet verbreitet.

Seit März letzten Jahres wurden bereits 50 Stolpersteine in der Ruhrstadt verlegt. Am kommenden Mittwoch, 25. November, wird an fünf verschiedenen Stellen weiterer 15 Naziopfer gedacht. Zum Auftakt wird Bürgermeisterin Sonja Leidemann um 14 Uhr in Stockum vor dem Haus an der Hörder Straße 326 die angereisten Nachfahren, den Künstler und die zahlreichen Wittener Paten begrüßen.

"Von ruchloser Nazihand hingemordet"

Die Schicksale der 15 Opfer aus fünf Familien stellen wir auf dieser Seite näher vor. Viele von ihnen wurden – so wie es die Todesanzeige für Willy und Siegmund Mühlhaus beschreibt – „von ruchloser Nazihand hingemordet“ oder mussten fliehen.

Flugblätter gegen den Krieg - Hinrichtung in Plötzensee

Der Annener Erich Scheer war 20 Jahre alt, als er in Plötzensee hingerichtet wurde. Erich hatte nach Besuch der Volksschule mit gerade einmal 15 Jahren den „Bund kulturelle Arbeit“ gegründet. Gemeinsam mit gleichgesinnten Jugendlichen lasen sie, diskutierten über wirtschaftliche und gesellschaftliche Fragen und organisierten sie Vorträge.

Auf den bevorstehenden Krieg reagierte Erich Scheer im Sommer 1939 mit Verzweiflung und Wut. Sein Plan, aktiv gegen den Krieg Widerstand zu leisten, war seinen Freunden zu gefährlich. In der Nacht vom 20. zum 21. September 1939 und danach brachte Erich in Annen und Witten selbst gefertigte Plakate und Zettel an, in denen Hitler angegriffen und zum Protest gegen den Krieg aufgerufen wurde. Im November 1939 wurde er in seiner Wohnung am Kohlensiepen festgenommen. Am 22. Dezember 1939 wurde Erich Scheer in der Strafanstalt Berlin-Plötzensee enthauptet.

Die Stolpersteinverlegung vor dem Haus am Kohlensiepen 117 wird von dem soziokulturellen Forum "Trotz Allem" als Pate organisiert. Sie beginnt am 25. November um 15:30 Uhr.

Sie öffneten ihr Heim für Ausgebombte und Verfolgte

Käthe und Willy Mühlhaus wohnten im Herbst 1944 im Wittener Gederbachweg 45 und begannen zu dieser Zeit, Verfolgte und Heimatlose bei sich aufzunehmen.

Zuerst zog die ausgebombte Thea Sternfeld bei Familie Mühlhaus ein. Im November 1944 desertierte der 18-jähriger Sohn Siegmund, der als Soldat eingezogen worden war. Seine Eltern versteckten ihn.

Im Winter 1944/45 brachte ein Freund die Jüdin Erna Malkowsky nach Witten. Auch sie fand bei Familie Mühlhaus einen Unterschlupf. Zeitweilig kam noch ihr ebenfalls verfolgter Ehemann Otto dazu.

Verrat von unerwarteter Seite

Doch ausgerechnet Thea Sternfeld, die als erste Unterschlupf gefunden hatte, verriet die Mühlhaus. Am 3. April 1945 denunzierte sie als erstes Willy Mühlhaus. Sie behauptete, sie wolle den anrückenden Amerikanern, die schon bei Langendreer standen, Listen über Wittens führende Nazigrößen übergeben. Doch nicht die Amerikaner, sondern die Nazis standen kurz darauf vor der Tür. Willy Mühlhaus wurde verhaftet. Am 4. April erschoss ihn im Borbachtal der SA-Mann Franz Birkenbach. Seine Ehefrau Käthe Mühlhaus wurde neben ihrem toten Mann körperlich misshandelt, doch zunächst wieder frei gelassen.

Am 6. April denunzierte Thea Sternfeld auch Siegmund Mühlhaus als Deserteur sowie seine Mutter Käthe als Mitwisserin und als die Frau, die eine Jüdin versteckt hielt. Siegmund, seine Mutter und Erna Malkowsky wurden verhaftet, Siegmund noch in der Nacht im Salinger Feld von NSDAP-Ortsgruppenleiter Dr. Walter Voß erschossen. Die beiden Frauen wurden mit dem Tode bedroht. Doch mit viel Glück gelang ihnen die Flucht. Beide überlebten.

Nach der Befreiung verurteilte das Landgericht Bochum den SA-Mann Franz Birkenbach zum Tode. Er starb in der Haft. NSDAP-Ortsgruppenleiter Walter Voß wurde ebenfalls zum Tode verurteilt, dann aber zu Haft begnadigt und nach fünf Jahren entlassen. Er praktizierte noch jahrelang als Hausarzt in Annen.

Die Stolpersteine für die Familie Mühlhaus werden am 25. November gegen 15.10 Uhr an der Siegfriedstraße / Ecke Steinbachstraße in Annen verlegt. Pate ist das Wittener Friedensforum.

Drogerie-Besitzer wurde nach Riga deportiert

Hugo und Laura Rosenthal wohnten mit ihren Kindern Hans Jakob und Hanna in der Hörder Straße 326 in Stockum. Sie betrieben dort die „Drogerie Glückauf“, eine Lebensmittel- und Gemischtwarenhandlung.

Unmittelbar nach der so genannten Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurden Hugo Rosenthal und sein Sohn Hans-Jakob für drei Monate in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. Hans-Jakob konnte kurz darauf nach Palästina emigrieren.

Seine Eltern Hugo und Laura Rosenthal hatten wegen des Verfolgungsdrucks Haus und Geschäft zu einem Spottpreis verkaufen müssen und zogen anschließend nach Dortmund. Im Mai 1942 wurden Hugo und Laura Rosenthal nach Riga deportiert und dort ermordet. Ihre Kinder überlebten in der Emigration.

Die Stolpersteinverlegung vor dem Haus an der Hörder Straße 326 wird von der SPD Stockum als Pate organisiert. Sie beginnt als Auftakt der Verlegungen am 25. November um 14 Uhr. Unter den anwesenden Gästen aus Israel wird auch ein Sohn von Hans-Jakob Rosenthal sein.

Familie Katz überlebte mit gefälschten Papieren

Nelli Katz und ihr Sohn Hans-Günther (5), wohnten mit der 55-jährigen Großmutter Rosa Rosenbaum in der Mozartstraße. Unter zunehmendem Verfolgungsdruck zog Nelli Katz im 1939 zunächst nach Dortmund, dann nach Berlin. Dort lebte sie mit gefälschten Papieren. Zeitweise versteckten sie Freunde.

Um das Leben ihres Sohnes zu retten, brachte sie ihn unter dem Namen „Brieger“ in einem katholischen Kinderheim im Münsterland unter. Nach Kriegsende fanden Mutter und Sohn wieder zusammen. Sie emigrierten in die USA, wohin sich auch Rosa Rosenbaum hatte flüchten können. Hans-Günther Katz lebt heute als George Wolff in den USA.

Auch zwei Angehörige werden an der Stolpersteinverlegung in der Mozartstraße 12 am 25. November gegen 16 Uhr teilnehmen. Paten sind die Deutsch - Israelische Gesellschaft und Privatpersonen.

Nur zwei Kinder konnten rechtzeitig vor den Nazis fliehen

Der jüdische Anstreichermeister Paul Stern wohnte zusammen mit seiner Ehefrau Rosa und den drei Kindern Helene, Werner und Erich in der Kreisstraße 3 in Annen.

Ab Januar 1939 durfte Paul Stern sein Gewerbe nicht mehr ausüben. Im Juli 1941 wurde die Familie in das so genannte Judenhaus in der Hauptstraße 63 eingewiesen und später „in den Osten“ deportiert. Paul Stern gilt seitdem als in Auschwitz verschollen.

Gleiches widerfuhr dem Sohn Werner, der in Riga als verschollen gilt. Die Tochter Helene und Sohn Erich Stern hatten dagegen rechtzeitig nach Argentinien beziehungsweise in die USA auswandern können.

Die Evangelische Kirchengemeinde Annen, die Israelfahrer und Annener Privatpersonen sind die Paten für diese fünf Stolpersteine. Verlegt werden sie am 25. November gegen 14.40 Uhr in der Kreisstraße 3 in Annen.

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