Weg zurück ins normale Leben

Foto: WAZ FotoPool

Sie sitzen am Computer, bis sie ins Bett fallen, können von der Pulle nicht lassen oder ohne Pillen nicht leben: Zu Manfred Freund kommen Menschen mit ganz unterschiedlichen Süchten. Vor einem Jahr gründete er die Selbsthilfegruppe „Aktiv suchtfrei“. Ein Angebot, das rege angenommen wird.

Acht Teilnehmer sind heute in den kleinen Raum der Selbsthilfekontaktstelle an der Dortmunder Straße gekommen. Die Handys bleiben in der Tasche, auf den Tisch kommen nur Wasser und Kaffee. Die wichtigste Regel: Alle müssen nüchtern sein. „Ziel ist, dass die Betroffenen wieder ein normales Leben führen“, sagt Manfred Freund, Gründer der Selbsthilfegruppe.

Ein normales Leben, das heißt: sich nicht in der Wohnung einschließen, sondern am Leben „da draußen“ teilhaben, zur Arbeit gehen, nicht zum Bierholen. Für die meisten anderen ist das normal, viele, die an dem Holztisch sitzen aber, hatten dieses „normale“ Leben nie. Der eine oder andere hat es mittlerweile geschafft, mancher kämpft noch. Gemeinsam haben sie, (fast) alles verloren zu haben: Wohnung, Frau, Freunde, Job. Alles, worauf sie stolz waren.

Joachim, 58, Lkw-Fahrer, brauchte „nach Feierabend immer eine halbe Kiste Bier“, mittlerweile ist er trocken. Detlef, 49, rutschte wegen seiner Alkoholsucht in die Obdachlosigkeit, auch er ist nun trocken. Dirk, 43, Gabelstaplerfahrer, konnte seit er 17 ist nicht ohne Haschisch („Es hat mir gefallen, ein bisschen wirsch zu sein“), und ein 35-Jähriger hatte es zum Busfahrer geschafft -- dann war Schluss: ständig unpünktlich. Er hing nur vorm Computer.

„In meiner Zeit als Bankangestellter habe ich viele Existenzen den Bach runter gehen sehen“, sagt Manfred Freund. Der 63-Jährige machte einen Lehrgang zum Drogen- und Suchtberater, besuchte Selbsthilfegruppen, um sich selbst ein Bild zu machen - und gründete den Verein „Aktiv suchtfrei“. Es ist eine der wenigen Gruppen in der Umgebung, die nicht für eine Suchtart offen ist, sondern für alle. „Ziel ist, dass die Leute wieder ins Leben zurückkehren.“

Im vergangenen Jahr haben die Teilnehmer Senf produziert und verkauft. In diesem Jahr sollen Museumsbesuche folgen, eine Radtour, ein Fotografie-Kurs. Etwas, das die Leute hier aufrichten kann. Denn: Bei vielen Süchtigen folgt nach der Abhängigkeit der Jobverlust, „dann die Scheidung, die Vereinsamung“, weiß der 63-Jährige.

Joachim, der Lkw-Fahrer, kann ein Lied davon singen: Der 58-Jährige kommt aus einer Alkoholikerfamilie. „Erst macht man den Spaß mit“, sagt er. Irgendwann hörte der Spaß auf. Mit der Partnerin klappte es noch. Doch die lief dem Alkoholiker davon, „von drei Kindern sprechen zwei nicht mehr mit mir“. Immerhin: Joachim ist seit 2008 trocken und wieder verheiratet.