Von der Schwierigkeit, still zu sitzen
31.08.2010 | 18:33 Uhr 2010-08-31T18:33:00+0200
Witten.Es ist kurz nach halb neun, die rote Pferdeschultüte, die Luisa im Kindergarten gebastelt hat, ist gut gefüllt, der Tornister ordnungsgemäß gepackt, und die zwei blonden Zöpfchen sitzen perfekt. In einer halben Stunde beginnt der Gottesdienst, mit dem die Brenschenschule in Bommern ihre i-Dötzchen begrüßt.
Die ganze Familie steht in den Startlöchern. Eltern, Großeltern und die beiden Paten, alle fiebern mit dem Mädchen mit, das sich nicht aus der Ruhe bringen lässt. „Ich war viel aufgeregter als Luisa. Die letzte Nacht konnte ich so gut wie gar nicht schlafen“, gibt Kathrin Möller lachend zu. Sie ist selbst Lehrerin und hat sich natürlich für den großen Tag ihrer Tochter frei genommen.
Nach dem Gottesdienst, der von einem evangelischen und einem katholischen Pfarrer geleitet wird, beginnt in der Turnhalle der Brenschenschule die Begrüßungsfeier. Luisa sitzt neben ihren beiden Freundinnen aus dem Kindergarten in der ersten Reihe und sieht bewundernd den älteren Schülern aus der vierten Klasse zu. Zur Begrüßung haben sie Tänze und Lieder einstudiert.
„Endlich geh ich in die coole Schule“, singen die Großen aus vollem Hals und Luisa rutscht unruhig auf ihrem Sitz hin und her. Um sich von der Aufregung abzulenken, die sich allmählich doch einstellt, befühlt sie schon einmal die Schultüte, die ihre Großmutter auf dem Schoß hält. „Ich glaube, das ist ein Buch“, quietscht sie freudig. Bevor sie das Geheimnis endlich lüften darf, muss sie allerdings noch ihre erste Unterrichtsstunde hinter sich bringen.
Um zwanzig vor elf entlässt Schulleiterin Frau Hesse die frisch gebackenen Erstklässler mit ein paar feierlichen Worten in ihre Klassen. Es wird auch höchste Zeit, Luisa rutscht langsam von der Bank Richtung Boden, das Zuhören wird zur Herausforderung. Sie und ihre Kindergartenfreundinnen gehen ab heute in die 1a, damit gehören sie zur Hasengruppe. In Zweierreihen laufen die 24 Kinder hinter der Lehrerin, Frau Flügel, her. Einige werfen ihren Eltern einen letzten Blick zu und winken zum Abschied. Mama und Papa werden vor dem Klassenraum zurückgelassen, die Kleinen sind jetzt auf sich allein gestellt.
Die erste Hürde nehmen alle auf Anhieb: Jedes Kind muss sein Namensschild und damit seinen Platz finden. Den eigenen Namen lesen können die meisten schon lange. Luisa sitzt zwischen Silas und Benjamin. Mit strahlenden Augen blickt sie erwartungsvoll an die Tafel. „Am meisten freue ich mich aufs Schreibenlernen“, sagt sie. Heute steht aber erst mal die Zahl Eins auf dem Plan. „Wir rutschen hoch, und dann rutschen wir wieder runter“, gibt Frau Flügel Anweisungen. In fünf Farben soll die Klasse jetzt die Ziffer auf ein Blatt Papier malen. „Luisa, hilfst du bitte beim Austeilen?“, fragt Frau Flügel. Die stolze Erstklässlerin bewältigt ihre Aufgabe gewissenhaft.
Als die Klasse konzentriert an der Eins arbeitet, hört man förmlich, wie schwer das Stillsitzen noch fällt. Die Stühle knarzen und quietschen. „Ich hab’ kein Gelb“, ruft Luisa leicht verzweifelt. Silas kann aushelfen. Zum Abschied singt die Hasenklasse gemeinsam: „Wenn ich froh bin, ruf’ ich laut ‘Hurra’“. Draußen warten schon die Eltern und die Schultüten. Begeistert berichtet Luisa ihrer Mutter alles ganz genau. Sie wird wohl morgen wiederkommen.
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