Vom Schlüsseldienst abgezockt

Wenn’s mit dem Draht nicht klappt, hilft der Schlüsseldienst. Aber das kann teuer werden. 
Wenn’s mit dem Draht nicht klappt, hilft der Schlüsseldienst. Aber das kann teuer werden. 
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
Einen solchen Dienstleister zu rufen kostete eine Wittenerin 300 Euro. Verbraucherschutz warnt vor „Schwarzen Schafen“

Witten.. Es ist Sonntagabend, der eigene Schlüssel liegt 200 Kilometer entfernt bei Freunden, die Kinder sind vom Wochenend-Tripp erledigt – und man steht vor sorgfältig abgeschlossener Wohnungstür. Diese oder eine ähnliche Situation kennen viele. Und schon so mancher ist in seiner Not auf einen unseriösen Schlüsseldienst hereingefallen.

So auch die Autorin dieser Zeilen. Ihre Wahl fiel an jenem Sonntagabend auf den im Internet gefundenen „Wittener Schlüsseldienst". Der gab eine Adresse in drei Kilometern Entfernung an und versprach „preisgünstige Leistungen zum Festpreis“.

Verbraucherzentrale warnt

Um es kurz zu machen: Es kam anders als erhofft. Der Mitarbeiter der Firma kam aus Hagen, tauchte nach 45 Minuten Wartezeit auf, die Rechnung belief sich – ganz anders als telefonisch erfragt – auf satte 300 Euro. Zu zahlen bar auf die Hand. Ohne dass der Mitarbeiter auch nur einen Finger gerührt hätte. Denn just mit seinem Eintreffen bekam der hilfsbereite Nachbar die Türe auf. Die üppige Rechnung setzte sich aus Anfahrt, Auftragspauschale, Steuern und hundertprozentigem Wochenend- und Nachtzuschlag zusammen.

„Unter den Schlüsseldiensten sind leider auch einige unseriöse Anbieter“, warnt Kathrin Becker von der Verbraucherzentrale im Hauptbahnhof. Allein im vorigen Monat kamen zwei Anfragen von Geschädigten, die Rechnung zu prüfen. „Die unseriösen Anbieter sind ein großes Problem in unserer Branche“, bestätigt Michael Maienhofer, Inhaber einer tatsächlich in Witten ansässigen Firma für Schließ-.und Sicherheitstechnik. „Die nutzen die Notlage der Menschen gnadenlos aus, um schnelles Geld zu machen.“ Er selbst habe aber einen Namen zu verlieren. „Deswegen bieten wir keinen Notdienst an, um nicht mit den Unseriösen in einen Topf geworfen zu werden.“

Höchsten 100 Euro Kosten

Dass es auch anders geht, zeigt ein weiterer Wittener Schlüsseldienst. Er bietet die Leistung pauschal für 65 Euro inklusive Anfahrt an. Nach 19 Uhr und am Wochenende kostet die Türöffnung bei ihm 110 Euro. „Die Abzockerfirmen berechnen ja sogar Spezialwerkzeug extra“, ärgert sich der Inhaber.

Verbraucherschützerin Becker meint: „Unter der Woche und tagsüber darf ein solcher Dienst nicht über 100 Euro kosten. Am Wochenende kommt natürlich ein Zuschlag drauf, aber auch damit sollte sich die Rechnung in diesem Bereich bewegen.“ Ihr dringender Hinweis: Nie den Mitarbeiter direkt bezahlen, auch bei Drohungen nicht. Nur dann habe man eine Chance, die Rechnung später zu beanstanden.

Manche Schlüsseldienste nutzen Hilflosigkeit aus

Wer ohne Schlüssel vor verschlossener Türe steht, gerät in dieser Lage schnell an Anbieter, die mit unlauteren Methoden arbeitet und viel zu hohe Rechnungen stellen.

Das passierte auch dem aus Witten stammenden Christian Ingensandt. „Das war Abzocke hoch zehn“, sagt er. Gemeinsam mit Freunden hatte der 27-Jährige an einem Samstagabend das DFB-Pokalfinale geschaut. Als sie Bier aus dem Keller holten, fiel die Wohnungstür zu. „Wir haben dann den Notdienst angerufen und am Telefon hieß es, 80 Euro kostet das Ganze. Dann kamen zwei Leute und wollten auf einmal 132 Euro in bar auf die Hand“, berichtet Ingensandt. „Am Ende hat er keinen Cent bekommen, meine Tür hab ich anders geöffnet. Aber Wochen später kam eine Rechnung von über 198 Euro.“

Andere Wittener berichten von positiven Erfahrungen mit ortsansässigen Anbietern: schneller Service, unbeschädigte Türen, faire Preise. Und anders als die unseriösen Anbieter zeichnen sie sich durch die Sorgfalt aus, sich den Ausweis des Betroffenen zeigen zu lassen. Das ist gesetzlich vorgeschrieben.

Es ist aber auch nicht immer unbedingt nötig, einen Schlüsseldienst zu rufen. Nämlich dann nicht, wenn „Gefahr im Verzug“ ist: Essen auf dem Herd, die 90-jährige Mutter geht zur üblichen Zeit nicht ans Telefon, Kleinkinder sind allein in der Wohnung. Dann kommt die Feuerwehr und öffnet die Tür, ohne Kosten zu berechnen.

Christian Ingensandt zog schließlich mit seiner Rechnung vor Gericht. Inzwischen wurde das Verfahren eingestellt, weil am Telefon ein anderer Preis genannt worden war. Und weil bereits zehn bis 15 weitere Verfahren gegen die Firma laufen.

Was die Verbraucherzentrale empfiehlt

Auf jeden Fall solle man nur ortsansässige Firmen beauftragen und darauf achten, dass nur ein Handwerker kommt. Nichts ungeprüft unterschreiben, nur bei detaillierter Rechnung und auf keinen Fall bar auf die Hand bezahlen, ausschließlich die Türöffnung und unter Zeugen vorab einen festen Preis vereinbaren.

Schwarze Schafe ließen sich an 0190er- oder 0800er-Nummern erkennen, daran dass sie keine Firmenadresse und vorab keine konkrete Preisauskunft geben können. Dass sie mit „AAA...“ beginnen, um im Verzeichnis oben zu stehen. Und dass sie keinen Nachweis (z.B. Ausweis mit Adresse) verlangen.