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Vermeintliches ADHS entpuppt sich oft als Sehfehler

02.02.2016 | 18:52 Uhr
Vermeintliches ADHS entpuppt sich oft als Sehfehler
Dr. Beate Gerstenberger Ratzeburg betreibt in Witten ein Institut für Hochbegabte. Puzzles sind Teil ihrer Intelligenztest und zeigen, ob ein Sehfehler vorliegt.Foto: Thomas Nitsche

Witten.  Die Wittener Hochbegabten-Förderin Beate Gerstenberger-Ratzeburg begegnet häufig Kindern, denen ihrer Meinung nach falsche Diagnosen gestellt werden.

Kindern wird mit der Diagnose "ADHS" oftmals ein Stempel aufgedrückt - der falsche. „Viele Kinder werden jahrelang falsch behandelt“, sagt Dr. Beate Gerstenberger-Ratzeburg. „Oft wird zu schnell ein bestimmtes Urteil gefällt, ohne dass man genau hinschaut.“

Seit über 30 Jahren arbeitet sie mit Kindern und Jugendlichen. Seit etwa 15 Jahren leitet die Pädagogin das „Institut zur Fo(e)rderung besonderer Begabung“ in Annen. Sie ärgert, dass Kinder aufgrund ungenauer Untersuchung häufig falsche Diagnosen bekämen: Diagnosen wie ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom mit Hyperaktivität), Lese-Rechtschreib- oder Rechenschwäche. Besonders stört sie, wenn diesen Kindern dann auch noch Medikamente verschrieben werden.

Schulschwächen deuten oft auf besondere Begabung hin

In ihrem Hochbegabten-Institut betreut die Wissenschaftlerin 50 bis 60 Menschen zwischen vier und 25 Jahren. Die Kinder, die den Weg zu ihr finden, sind meist in der Schule in irgendeiner Form stark aufgefallen: etwa durch extrem schlechte Noten, aggressives Verhalten gegenüber Mitschülern oder Leistungsverweigerung. „Meistens liegt es nicht an der Begabung, warum Kinder in der Schule nicht mitkommen“, sagt die Erziehungs- und Sozialwissenschaftlerin, die zudem Psychologin und Sozialpädagogin ist. „Oft weisen solche Dinge auf eine besonders hohe Intelligenz hin“, sagt Gerstenberger-Ratzeburg. Eine wenig beachtete, aber häufige Ursache für Auffälligkeiten in der Schule sei auch ein Sehfehler der Kinder.

Studie
Früheingeschulte bekommen besonders häufig die Diagnose ADHS

Kinder, die vergleichsweise früh zur Schule kommen, gelten häufig als hyperaktiv und unaufmerksam. Ärzte schätzen sie eher als ADHS-Kind ein.

Ein solcher Fall ist der elfjährige Justin (Name geändert). In der Schule schlug er um sich und war so aggressiv, dass er sich Schulverweise einhandelte. Bei ihm wurde ADHS diagnostiziert und ein Medikament verschrieben, das nicht anschlug. Als er zu Dr. Beate Gerstenberger-Ratzeburg kam, fiel ihr bei einem Intelligenztest auf, dass Justin in den meisten Bereichen überdurchschnittlich gut abschnitt. Aufgaben, wo es um genaues Hinsehen und Wahrnehmung ging, missglückten ihm jedoch.

Probleme aufgrund eingeschränkter Wahrnehmung

Bei jedem zweiten bis dritten Kind, das die Annenerin testet, vermutet sie eine sogenannte Winkelfehlsichtigkeit. Das sind 20 bis 30 Kinder im Monat. Es handelt es sich um einen Sehfehler, der sich darin äußert, dass Betroffene nicht oder nur unter Anstrengung beide Augen auf einen Punkt richten können. Die Augen ermüden schnell, das räumliche Sehen ist eingeschränkt. Buchstaben und Zahlen verschwimmen oder verrutschen in der Zeile. Die Probleme dieser Kinder in der Schule resultierten dann nicht aus ihrer Begabung, sondern vielmehr aus ihrer eingeschränkten Wahrnehmung, sagt die Expertin.

Kinder, die davon betroffen sind, haben Schwierigkeiten beim Ausmalen oder Puzzeln, leiden unter Kopfschmerzen oder haben feinmotorische Probleme. „Oft wird solchen Kindern dann eben schnell eine Lese-Rechtschreib- oder Rechenschwäche oder ADHS diagnostiziert“, sagt die Pädagogin. „Die Medikamente, die dann verschrieben werden, helfen aber nicht und solche Schwächen liegen nicht vor. Das beweist der jeweilige Test eindeutig.“

Justin bekam aufgrund der Testergebnisse aus dem Hochbegabteninstitut vom Augenarzt eine so genannte Prismenbrille verschrieben. Eine Sehhilfe, die die Augen besser lenken hilft. Seitdem sei er in der Schule viel ruhiger geworden, sagt Gerstenberger-Ratzeburg. Er habe es dann auch aufs Gymnasium geschafft. Die Pädagogin fordert: „Ich möchte einfach, dass genauer hingeschaut wird.“

Kristina Gerstenmaier

Kommentare
03.02.2016
09:07
„Oft weisen solche Dinge auf eine besonders hohe Intelligenz hin“
von p.s.a | #2

"Gelegentlich" weisen solche Dinge aber auch auf gewisse Inkomptabilitäten zwischen Lehrer und Schüler hin. Wer kennt sie nicht aus der eigenen...
Weiterlesen

1 Antwort
Vermeintliches ADHS entpuppt sich oft als Sehfehler
von SchmidtNV2 | #2-1

Oder den Deutschkurs bei der stadtweit bekannten Emanze, bei dem die Jungs das Nachsehen haben. Oder den Englischlehrer, der sich gern Brüste anschaut und seine Noten entsprechend verteilt.

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2016-02-02 18:52
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