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Streitbarer Pfarrer setzt sich zur Ruhe

18.11.2011 | 17:26 Uhr
Streitbarer Pfarrer setzt sich zur Ruhe
Pfarrer Jürgen Kroll setzt sich nach 32 Jahren als Pfarrer der Martin-Luther-Gemeinde an der Ardeystraße zur Ruhe. Foto: Michael Korte / WAZ FotoPool

Witten. „Wenn ich gehe, wird der Gemeinde ein Feindbild fehlen“, glaubt Jürgen Kroll (59). In seinen 32 Jahren als Pfarrer der Martin-Luther-Kirchengemeinde an der Ardeystraße hat er sich und der Gemeinde nie einfach gemacht.

Zum 31. Dezember scheidet Kroll aus, verabschiedet sich am ersten Advent im Gottesdienst. „Ich mache einen harten Schnitt. Mein Kalender für 2012 ist völlig leer“, freut sich Kroll, der zunächst für einige Monate den Gottesdienst in einer anderen Gemeinde besuchen möchte. Und er freut sich darauf, endlich mal ein Buch zu lesen, „ohne dass ich danach dazu etwas sagen muss“.

Obwohl er eigentlich immer gerne etwas sagt. Gewandt in der Rede ist er, zieht gerne bildreiche Vergleiche, überspitzt, bringt Aussagen auf den Punkt. Und wollte schon bei seinem Antritt in der Gemeinde 1979 dies: „Der gleiche Mensch bleiben dürfen - gleich ob auf der Kanzel, bei einem Besuch oder privat.“

Stark verändert habe sich die Gemeinde in seiner Wirkenszeit. „Erst einmal habe ich den Mitarbeitern damals das Du angeboten. Das war für manche ältere Dame ein Schock.“ Menschlicher sei der Umgang geworden. In der Gemeindearbeit sollen sich die Christen heimisch fühlen. Dem Gottesdienst ordnet er eine Sozialfunktion zu wie den Treffen in der Kneipe.

Werkzeugmacher hat Kroll gelernt, bevor er sich entschied, Pfarrer zu werden. „Predigten sind wie eine Werkbank. Ich lege Werkzeuge hin - und jeder nimmt sich, was er brauchen kann.“

Private Ereignisse ließen seinen Beruf nicht unberührt. „Als meine erste Frau starb, wollte ich der faulste Pfarrer Westfalens werden, mich auf das Wesentliche besinnen. Ich zog zunächst mal den Talar aus.“ Auch die Kanzel sollte weg aus der Kirche. Jahre hat er gebraucht, bis er die Zustimmung des Presbyteriums hatte - und riss die „400 Kilogramm Beton“ dann an einem Tag ab.

Er heiratete wieder, ließ sich nach sechs Jahren scheiden. Nicht nur seine eigenen beiden Kinder, sondern auch die zwei seiner Ex-Frau blieben bei ihm. „Da habe ich meine Karriere hinten angestellt. Mir ist die Meinung von diesen vier Menschen wichtiger, als wenn später alle sagen: Das war ein toller Pastor“, so der inzwischen wieder neu verheiratete Kroll. „Die Gemeinde hat mein Privatleben mit getragen“, ist er dankbar. Fehler habe er gemacht. „Darauf bin ich nicht stolz. Aber zum Glück waren viele Sachen gesegnet. Am Ende ist immer noch was Gutes daraus geworden.“

Auf seine Idee gehe der alle zwei Jahre stattfindende „Kongress christlicher Führungskräfte“ zurück, ebenso der außergewöhnliche Weihnachtsgottesdienst im Saalbau, sagt er - und ärgert sich seit jeher über das zu hierarchisch gegliederte Kirchensystem, das seiner Meinung nach Luthers Gedanken widerspricht. Er würde lieber stärker auf das „Priestertum der Glaubenden“ setzen.

In den vergangenen zweieinhalb Jahren unterrichtete Kroll am Berufskolleg. Seinen Abgang bereitet er seit fünf Jahren langsam vor, zog vor etwa zwei Jahren aus dem Pfarrhaus aus. „Viele Schlüssel habe ich auch schon zurückgegeben.“ Langeweile ab dem 1. Januar ist ausgeschlossen: Bücher möchte er schreiben. „Und meine Erfahrungen als personal coach weitergeben.“

Verabschiedet wird Kroll am Sonntag, 27. November, 10 Uhr, im Gottesdienst mit Kirchencafé in der Martin-Luther-Kirche, Ardeystraße. Kroll, der vor 50 Jahren in einen Kirchenchor eintrat, seit 42 Jahren Organist ist, sich vor 40 Jahren bewusst zum Glauben bekannte, predigt selbst zu „ER aber kommt!“ Alte Predigten sind zu finden im Internet bei youtube.

Liliane Zuuring

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2011-11-18 17:26
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