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Stehender Beifall in Witten für Brechts „Kreidekreis“

24.02.2016 | 18:36 Uhr
Stehender Beifall in Witten für Brechts „Kreidekreis“
Gezerre um ein Kind: Brechts „Kaukasischer Kreidekreis“ ist einStück über Habgier und Moral.Foto: Bernd Böhner

Witten.   Mit vielen aktuellen Bezügen kam Bert Brechts Klassiker „Der Kaukasische Kreidekreis“ auf die Saalbaubühne. Das Publikum spendete stehend Beifall.

Zwei Handlungsstränge bot die imposante Inszenierung des klassischen Brecht-Stückes „Der Kaukasische Kreidekreis“: zum einen die Flucht der Magd Grusche mit dem verlassenen Baby Michel ins Gebirge und zum anderen die Lebensgeschichte des merkwürdigen Richters Azdak.

Die Konzertdirektion Landgraf arrangierte in zweieinhalb Stunden ein komprimiertes, intensives Theatererlebnis. Am Schluss gab es verdiente Standing-Ovations im nicht ganz voll besetzen Theatersaal. Eingeladen hatte die Theatergemeinde Volksbühne.

Es fehlten die schweren Vorhänge als Barriere zwischen Bühne und Publikum. Nur ein dünner Flatter-Store wurde bei Bedarf hin- und hergeschoben. So war das Publikum unmittelbarer Teilhaber an jeglichem Geschehen auf der Bühne. Die räumliche Distanz zwischen dem Geschehen auf der Bühne und dem Zuschauerraum war quasi aufgelöst.

Der eigentliche „Vorhang“ war der Sänger, Erzähler und Intendant Peter Bause in der Rolle des Arkadi Tscheidse, der vor der Pause den Zuschauer durch den komplexen Inhalt des klassischen Schauspiels führte. Begleitet vom Akkordeonspieler Clemens Bernhard Winter. Die Töne oftmals schräg und abgehackt. Die Musik - eine beinahe kalte Schönheit im ständigen Wandel. Ganz typisch für Brecht´sche Begleitmusik.

Zwei Frauen streiten um den kleinen Michel

Hauptträger der Handlung sind die Magd Grusche - gespielt von Jennifer Lorenz - und der Arme-Leute-Richter Azdak - dargestellt ebenfalls von Peter Bause. Sie ist es, die den ungewöhnlichen Rechtsfall hervorruft. Er, der ihn ungewöhnlich löst. Der Streit zweier Frauen um den kleinen Michel alias Sarah. Die leibliche Mutter Natella (Hellena Büttner), die sich für Reichtum und gegen ihren Säugling entschied und Grusche , die sich aus Mitleid um Michel kümmerte und ihn schließlich großzog.

Die Geschichte des Kreidekreises ist in vielen Kulturen verbreitet und auch als Salomonisches Urteil im Ersten Buch der Könige des Alten Testaments nachzulesen. Auch dort siegte die Menschlichkeit gegen die Habgier. So bildet der Satz: „... dass da gehören soll, was da ist, denen, die für es gut sind“ eine dramaturgische Klammer vom ersten bis zum letzten Satz.

Am Ende gewinnen die armen Leute

Die beißend sarkastischen, anrührenden und humorprallen Szenen verdichten Poesie und Satire zu einer Sprache, die irgendwie vertraut scheint, immer den Nagel auf den Kopf trifft. In der Inszenierung von Peter Bause verkörpern die Schauspieler überzeugend ihre Rollen - perfekt charakterisiert durch die Gesichtsmasken, trotzdem puppengleich und jeglicher Individualität beraubt. Lediglich die tragenden Figuren zeigen „Gesicht“.

Eindrucksvoll und verblüffend tagesaktuell ist die Fluchtszene im Gebirge. Die Akkordeonklänge steigern die Spannung ins Unermeßliche. Szenen wie die Hochzeit mit dem sterbenskranken Bauern und einem betrunkenen Mönch sind eindrucksvolle Persiflage auf Kirche und Moral. Doch am Ende „gewinnen“ der Arme-Leute-Richter Azdak und die aufrichtige Magd Grusche ihren eigenen Kampf um Gerechtigkeit. Ein gelungener Theaterabend, der wie im Fluge vorbei war.

Barbara Zabka

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Stehender Beifall in Witten für Brechts „Kreidekreis“
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2016-02-24 18:36
Witten