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Sozialticket gerät zum Rohrkrepierer

08.01.2013 | 19:34 Uhr
Sozialticket gerät zum Rohrkrepierer
Foto: Michael Korte

Witten.   Das „meinTicket“ (früher: „Sozialticket“) gilt ab 1. Januar kreisweit – eine erhöhte Nachfrage gibt es trotzdem nicht. Der VRR ist enttäuscht.

Seit Anfang des Jahres gilt die Sozial-Fahrkarte „meinTicket“ (vorher: „Sozialticket“) nicht mehr nur für Witten und Herdecke, sondern für den ganzen Kreis. Eigentlich sollte das ausgeweitete Angebot die Fahrkarte bei Menschen mit wenig Geld attraktiver machen – doch der erwartete Ansturm blieb in Witten sowohl im Dezember als auch im neuen Jahr aus.

Beim Jobcenter holten sich im Dezember 105 und im Januar 26 Hartz-IV-Empfänger den sogenannten Berechtigungsschein, mit dem sie sich bei der Bogestra die vergünstigte Fahrkarte für 29,90 Euro kaufen können. Insgesamt fahren 654 Empfänger von Arbeitslosengeld II aus Witten mit dem Schein durchs Kreisgebiet – berechtigt wären eigentlich rund 7000. Michael Gonas, Leiter des Jobcenters, glaubt noch an eine Trendwende. „Wir machen in den Beratungen und Plakaten auf das Angebot aufmerksam.“

Ein ähnliches Bild bei der Stadt. Das Amt für Wohnen und Soziales gibt die Berechtigungsscheine an Wohngeldempfänger, Asylbewerber sowie Bezieher von Sozialgeld und Sozialhilfe aus. 4200 Wittener hätten eigentlich Anspruch aufs „meinTicket“, doch auch von ihnen hat es sich gerade mal jeder 20. abgeholt. Viele wüssten entweder nichts von der vergünstigten Fahrkarte oder für sie sei diese nicht interessant, erklärt Susann Brandenburg, Sachbearbeiterin im Amt für Wohnen und Soziales. „Der Wunsch ist groß, dass man auch nach Bochum oder Dortmund fahren kann.“

Wenig neue Antragsteller

Dass 2013 schon 43 Berechtigte ihren Schein in dem Amt abgeholt haben, ist denn auch nicht als großer Ansturm zu werten. Susann Brandenburg: „Es sind viele darunter, die schon vorher das Ticket hatten und es nun wieder beantragt haben.“ Die Karte wird immer für ein halbes Jahr bewilligt und muss dann neu beantragt werden. Neue Antragsteller gebe es wenige, so Susann Brandenburg. Dass viele Anfang Januar kamen, läge auch daran, dass sie es vorher nicht geschafft haben, im Januar aber unbedingt fahren wollen.

Der Verkehrsverbund Rhein Ruhr (VRR) bestätigt die schleppende Nachfage nach dem Ticket. Man sei vor der Einführung Ende 2011 davon ausgegangen, dass etwa 15 Prozent der Berechtigten zugreifen würden, sagte ein Sprecher auf Anfrage. „Das war zu optimistisch.“ Die aktuelle Nachfrage nannte er „verhalten“: Holten sich nach Einführung des damaligen „Sozialtickets“ noch knapp vier Prozent der Berechtigten die Fahrkarte, seien es jetzt mit fünf Prozent nur unwesentlich mehr. „Mit der Ausweitung der Gültigkeit von Witten und Herdecke auf das gesamte Kreisgebiet wollten wir das Ticket eigentlich attraktiver machen.“ Gelungen sei das bislang nicht.

Ein Wohngeldempfänger, der gerade einen Termin bei der Stadt hat, will das „meinTicket“ als einer der wenigen holen. „Jetzt fahre ich mit einem Ticket 1000 jeden Tag nach Annen zur Arbeit. Mit der vergünstigten Fahrkarte spare ich 30 Euro.“ Allerdings sagt auch er: „So oft fahre ich nicht nach Breckerfeld oder Schwelm. Eigentlich wären Bochum und Dortmund für mich nützlicher.“ Der Elektroniker nimmt es gelassen. Wenn er mit seinem neuen „meinTicket“ mal in die großen Nachbarstädte fahren müsse, „dann muss ich eben in den sauren Apfel beißen und ein Zusatzticket kaufen“.

INFO

Das „Sozialticket“ wurde vom Land 2011 mit 15 Mio und 2012 mit 30 Mio Euro finanziert. Am 31. Dezember 2012 endete die Pilotphase. Jetzt heißt es „meinTicket“ und gilt im ganzen Kreis.

Die Berechtigungsscheine können beim Jobcenter oder im Rathaus (Zimmer 235) beantragt werden. Bei der Bogestra gibt es dafür das „meinTicket“ für 29,90 Euro.

Dennis Sohner



Kommentare
10.01.2013
11:57
zu wenige Stakeholder, Teil 2
von sozialromantik | #7

Daneben haben städtische Verkehrsbetriebe bzw. Kommunen ein Interesse an der Bezahlung ihrer der Daseinsvorsorge verpflichteten Dienstleistungen, für die sie nach dem Subsidiaritätsprinzip zuständig sind. Mainz machts sich einfach. Das Sozialticket wäre nur zum Wucherpreis von aktuell 54,30 Euro zu haben und der OB, Michael Ebling (aSPD), sagt mir: "Der Streit darf nicht auf dem Rücken der Kommune ausgetragen werden." Ich entgegne: "Falsch! Der Streit darf gemäß Grundrecht nach Art. 1 GG in Verbindung mit Art. 20 GG nicht auf dem Rücken der Menschen ausgetragen werden! Richtig ist: Die Kommune muss den Streit (um höhere Regelbedarfssätze) im Namen der Menschen vor Ort mit dem Bund austragen!"
Auch Geschäfte in der Innenstadt haben ein Interesse, dass möglichst die Allgemeinheit auf ihre Waren Zugriff hat, auch wenn Hartz-IV-Leistungsberechtigte nicht zu den finanzkräftigsten Kunden gehören... Wo sind die Unternehmer, die das Sozialticket fordern?

10.01.2013
11:50
zu wenige Stakeholder
von sozialromantik | #6

Richtig beobachtet, p.s.a! Von allen möglichen Stakeholdern, die echtes Interesse an einem realen Sozialticket bzw. der Beförderung an sich haben, egal ob nur der von Sozialhilfeempfängern oder der Allgemeinheit, sind viel zu wenige davon auf den Beinen, um das soziale Sozialticket oder den fahrscheinlosen ÖPNV auch durchzusetzen. Bei mir in der Stadt habe ich den Eindruck, dass Hartz-IV-Leistungsberechtigte eher auf die Busfahrt verzichten, als durch legitimes Fahren ohne Fahrschein ihr Grundrecht auf Mobilität wahrzunehmen, oder nach dem ganzen Bürokratie-Mist, der sich aus einer Begegnung mit einem Kontrolleur ergibt, schließlich kapitulieren und den Gang in den Knast antreten. Dabei beweist jeder einzelne wegen Schwarzfahrens einsitzende Hartz-IV-Leistungsberechtigte, dass Deutschland ein Unrechtsstaat ist!

10.01.2013
11:42
Fahrscheinloser ÖPNV der Piratenpartei
von sozialromantik | #5

@buntspecht2: Richtig! Gratis wäre noch besser! Ist sowohl als Sozialleistung (im Sinne der Grundrechts auf Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums inkl. gesellschaftlicher, kultureller und politischer Teilhabe des Bundesverfassungsgerichtsurteils vom 9. Februar 2010) als auch als Fahrscheinloser ÖPNV für alle vorstellbar, den sich die PIRATENPARTEI zum Programm gemacht hat. Letzteres - also echten sozialen Fortschritt - würde ich natürlich bevorzugen!

09.01.2013
17:35
Naiv wer glaubt die Ausweitung auf das Kreisgebiet würde in Witten die Nachfrage erhöhen.
von p.s.a | #4

Bochum oder Dortmund dazu brächte vielleicht etwas, aber warum soll man nach Schwelm fahren ?

Ebenso naiv ist es natürlich gegen den VRR zu klagen. Wenn überhaupt kann man gegen die Regelsatzfestlegung des Bundes klagen. Man begreift sowieso nicht, wie ein nach einem Warenkorb festgelegter Regelsatz jahrzehntelang von Preiserhöhungen verschont bleibt. Und warum nicht einer aus Dienstleistungsbranche die von H4lern lebt da nicht nachfasst.

09.01.2013
15:17
Sozialticket gerät zum Rohrkrepierer
von buntspecht2 | #3

@1@2 Besser gleich ganz umsonst.

09.01.2013
13:13
Ratschlag für alle
von sozialromantik | #2

Ich kann nur raten, alle bislang gekauften Sozialtickets aufzubewahren und Kreis und Verkehrsverbund Rhein Ruhr (VRR) auf Schadenersatz zu verklagen. Ein Sozialticketpreis über dem Anteil für ÖPNV im (entweder individuellen oder reduzierten Paar-)Hartz-IV-Regelbedarf ist verfassungswidrig!
Ich selbst bezahle in Mainz/Wiesbaden seit fast vier Jahren das Sozialticket zum absurden Wucherpreis von aktuell 54,30 Euro nicht mehr und fahre dennoch Busse & Bahnen! Diese Form zivilen Ungehorsams ist jeder & jedem anzuraten, der von dieser Gesellschaft dermaßen verarscht wird wie wir Langzeiterwerbslosen: erst vom Arbeitsmarkt ausschließen, dann verfassungswidriges Almosen zahlen und dann auch noch Wucherpreise beim ÖPNV verlangen? Nicht mit mir!

09.01.2013
13:05
Sozialticket zum Wucherpreis ist kein Sozialticket
von sozialromantik | #1

Wann endlich begreifen die Verantwortlichen, dass ein Sozialticket zum Wucherpreis kein Sozialticket ist, sondern verfassungswidrig?! Im Hartz-IV-Regelbedarf der Ärmsten der Armen sind gerade mal 24,07 Euro für Verkehrskosten aller Art vorgesehen, für den ÖPNV etwa 19 Euro. Im reduzierten Paar-Regelbedarf ist es entsprechend noch weniger. Ein Sozialticket für mehr als etwa 17 Euro verletzt das Grundrecht auf Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums inkl. gesellschaftlicher, kultureller und politischer Teilhabe (nach dem Bundesverfassungsgerichtsurteils vom 9. Februar 2010 )! Entlasst endlich diese Verbrecher bei Kreis und Verkehrsverbund Rhein Ruhr (VRR) und sagt ihren Nachfolgern, dass ihnen das gleiche Schicksal droht, wenn sie nicht as soon as possible - also SOFORT! - ein verfassungsgemäßes Sozialticket herausgeben, sinnvollerweise für glatt 15 Euro und mit Ermäßigungen von 90 Prozent für den überregionalen Anschluss nach Bochum und Dortmund!

1 Antwort
Sozialticket gerät zum Rohrkrepierer
von stoffel747 | #1-1

Sozialromatik die haben begriffen, natürlich die sind nicht doof. Die Verantwortlichen interessieren das nicht. Das Sozialticket ist zu teuer, die Fahrpreise sind überhaupt zu teuer. Gegenleistung fast null. Ewig kommen hier in Essen die Bahnen zu spät, oder überhaupt nicht. Ist so. Wer hat schon die Kraft sich rum zu schlagen mit der EVAG, zum Beispiel? Die hatte zum Beispiel auch die Fahrkarten Automaten son software mäßig eingerichtet und die Sozial Ticket Fahrer zu veräppeln, gültig wäre dieses Ticket erst ab 9:00 Uhr . gelogen. rund um die Uhr wie es vereinbart wurde.

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