Sicherheitstraining an Schule macht Mut für Straßenverkehr

Gespannt stellen sich die Viertklässler neben dem Schulgelände für die Abschlussfahrt auf. Jetzt können sie endlich zeigen, was sie gelernt haben.Foto:Barbara Zabka
Gespannt stellen sich die Viertklässler neben dem Schulgelände für die Abschlussfahrt auf. Jetzt können sie endlich zeigen, was sie gelernt haben.Foto:Barbara Zabka
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Schüler der Hüllbergschule meistern das Fahrradabschlusstraining mit Bravour. Polizei gibt Ratschläge für sicheres Fahren auf der Straße.

Das Bremsen klappt vorbildlich. Das sieht man ganz eindeutig, als leicht aufgeregt, aber fest im Sattel 27 Schülerinnen und Schüler der Reihe nach den Hüllbergweg hinunterfahren. Und der ist ganz schön steil. Um Schnelligkeit geht es dabei nicht, die Viertklässler der Hüllbergschule müssen mehrere Aufgaben während der Fahrt erfüllen – sie machen ihre praktische Fahrradsicherheitsprüfung. In einem weit ausgefahrenen Bogen biegen sie in den Marderweg ein. Die Polizeibeamten Roland Sentheim (54) und Roland Deckenhoff (53) von der Abteilung Unfallverhütung nehmen die Fahrten ab.

Plaketten zur Auszeichnung des bestandenen Fahrradtrainings für alle haben die beiden bereits in der Tasche. Insgesamt radeln die Grundschulkinder 1, 5 Kilometer auf einer ausgewählten Strecke rund um das Schulgelände. Pflicht für alle Kinder sind ein Helm und ein verkehrssicheres Rad. Das Aufsteigen, Losfahren, Rechtsfahren, Vorbeifahren mit Handzeichen, Linksabbiegen, das Beachten von Rechts vor Links und das Anhalten werden überprüft.

Damit alles glatt läuft, passen Eltern als Streckenposten mit auf. Die Schüler tragen reflektierende Leibchen, damit sie im Straßenverkehr besser erkannt werden. Bevor es ernst wird für die Schüler, fahren sie unter den wachsamen Augen der Polizisten und Eltern ein paar Übungsrunden. Dabei bekommen sie noch Tipps und werden an einzelnen Stationen korrigiert. Schließlich geht es bei der Abschlussfahrt vor allem darum, dass die Kinder lernen, wie sie sich sicher im Straßenverkehr verhalten.

„Bei diesem Training können die Kinder in gefährlichen Situationen noch zurückgeholt werden, die Sicherheit geht vor“, erläutert Hauptkommissar Roland Deckenhoff (53). Solche Trockenübungen im geschützten Rahmen sind wichtig. „Auf einer Straße mit viel Verkehr sind die Kinder später auf sich allein gestellt.“ Die beiden Beamten legen großen Wert darauf, die Schüler auf die Gefahren im Alltag vorzubereiten.

Eltern bleiben in der Verantwortung

Ein Training mit Übungseinheiten der Polizei findet an fast allen Wittener Grundschulen statt. Bereits im dritten Schuljahr stehen Besuche in Klassen an. „Wir gehen mit den Schülern ein erstes Mal auf die Straße. In der vierten wird Theorie im Schulunterricht besprochen, und wir machen das Radtraining sowie die Abschlussfahrt“, sagt Deckenhoff. So sollen die Kinder auch rechtzeitig vor dem Wechsel an eine weiterführende Schule sicherer auf der Straße werden.

Vorrangig sehen die beiden Beamten aber immer noch die Eltern für die Verkehrserziehung ihrer Kinder in der Pflicht. „In der Schule sollen die Kinder die Theorie besprechen und lernen. Die Polizei ist nur zur Unterstützung da“. Das nimmt sich Mutter Julia Joswig (32) zu Herzen. Sie will mit ihrem Sohn weiterhin viel üben.

Das Ergebnis der Prüfung kann sich sehen lassen: Nach kurzer Rücksprache mit den Eltern und der Lehrerin verkünden die Polizisten, dass alle bestanden haben.

„Wir wollen die Kinder nicht abschrecken, sondern ihnen Mut machen fürs Fahren auf der Straße“, erklärt Roland Sentheim. Und das finden Jason (10) und Tajdin (9) gut. Sie planen bereits Fahrradtouren in den Ferien.

Jedes Jahr verunglücken in Witten 55 Radfahrer

Sicheres Fahrradfahren erfordert viel Übung und Vorsicht. Im Schnitt wurden in den letzten Jahren bei Unfällen in Witten jedes Jahr fast 55 Radfahrer verletzt (s. Grafik). „In den letzten drei Jahren bis Anfang Mai dieses Jahres hat es 164 Unfälle gegeben“, berichtet Polizeihauptkommissar Roland Deckenhoff.

Davon waren 34 Alleinunfälle – also Unfälle ohne Einwirkung eines weiteren Verkehrsteilnehmers. So etwas passiere etwa beim Einbiegen oder Kreuzen im Verkehr. An jedem zehnten Unfall war ein weiteres Fahrzeug beteiligt. Auch Erwachsene fühlten sich selbst oft nicht so sicher auf dem Rad. „Viele fahren auch auf dem Gehweg. Gefährlich wird es da erfahrungsgemäß an Ein- und Ausfahrten. Oft ist auch ein falsches Verhalten beim Abbiegen zu erkennen, und Verkehrsregeln werden nicht beachtet“, weiß der Experte.

Die Gefahrenstellen sind übers ganze Stadtgebiet verteilt. Besonders problematisch sei es auf stark befahrenen Straßen wie der Husemannstraße und der Ardeystraße – und überall, wo Schienen liegen. Bekannt als Unfallstelle beim Abbiegen ist der Polizei auch die Kreuzung Ruhrstraße/Ruhrdeich.

Nicht unterschätzen sollte man auch die Gefahren, die rund um den Kemnader See lauern. „Hier sind meist viele Fußgänger unterwegs, und es kommt zu einigen Kollisionen mit Radfahrern. Wir gehen dort zudem von einer höheren Dunkelziffer aus“, sagt der Beamte.

Vom Gesetzgeber ist vorgegeben, dass Kinder ab zehn Jahren auf der Straße fahren. Schwer sei es in dem Alter allerdings noch, Entfernungen richtig abzuschätzen, ebenso wie den toten Winkel zu beachten. Auch motorisch seien die meisten Kinder im jungen Grundschulalter oft noch nicht so weit entwickelt. Um Schüler für typische Gefahren zu sensibilisieren, sei regelmäßiges Training entscheidend. „Üben, üben, üben – kann ich nur empfehlen. Das ist das A und O“, mahnt Deckenhoff. Eltern könnten prinzipiell überall mit ihren Kindern in der Stadt fahren. Am Stausee oder auf Radfahrwegen könne gut geübt werden. Und ein letzter Tipp: „Am besten auch in vernünftiger Kleidung und nicht in Mausgrau.“

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