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Gegen die Leere anschreiben

22.08.2011 | 17:23 Uhr
Gegen die Leere anschreiben
Steffen Randig liest in seiner Wohnung in Witten aus seinen selbstverfassten Kurzgeschichten. Foto Thomas Schild / WAZ FotoPool

Witten.„Mein Museum“ deutet Steffen Randig auf sein Wohnzimmer. Die Wände hängen voll mit alten Uhren und Tellern, auf dem Schrank drängen sich unzählige Tierfiguren. Der Mann mit den tätowierten Armen nimmt auf der abgewetzten Couchgarnitur Platz, die schon mindestens vier Jahrzehnte erlebt haben muss. „Das ist alles, was mir geblieben ist.“ Den Rest seiner Habseligkeiten hat Steffen Randig bei großen Hochwasser 2008 in Dortmund-Marten, wo er damals wohnte, verloren.

Selbstständig war er damals, hat alte Möbel gekauft, aufgearbeitet und anschließend wieder verkauft. Nur eine von unzähligen Tätigkeiten, die der gelernte Drucker in seinen bewegten Leben ausgeübt hat. Seitdem ist er arbeitslos. Eine Krebserkrankung, die kurz nach dem Hochwasser festgestellt wurde, stand einen Neustart ebenfalls im Weg.

Die hat Steffen Randig inzwischen überwunden. „Aber mit 63 nimmt einen ja keiner mehr.“ Freiwillig wollte er Frostschäden auf Wittens Straßen ausbessern. Doch Stadt sah keine Möglichkeit, ihn einzusetzen. Als Stütze erwies sich in der schwierigen Zeit seine langjährige Freundin Lotti, die ihm bis heute den Haushalt führt. „Mein Engel“, sagt Steffen Randig.

Zu Schreiben hat er begonnen, vor allem Kurzgeschichten. Darin verarbeitet Steffen Randig eigene Beobachtungen und was ihm Bekannte erzählt haben. Denn zum Beobachten hat er viel Zeit. Zwischen 5 und 6 Uhr morgens steht er auf, dreht die erste Runde mit Schäferhündin Julie. Trifft andere Hundebesitzer oder ältere Menschen im Park. Sammelt Flaschen auf, wenn am Monatsende das Geld zu knapp fürs Hundefutter geworden ist. „Ich sehe viele Menschen, die Flaschen aufsammeln.“

Seine Geschichten schreibt Steffen Randig mit der Hand. „Ich habe nur eine klapprige Schreibmaschine, die klemmt“, erklärt er, blättert in seinem Ringbuch und liest vor aus seinen Texten „von den Zwängen des Lebens und dem Spaß zwischendurch“. Melancholie und Bitterkeit durchweht die Geschichten, die der Autor aus der Ich-Perspektive erzählt. Und in die er sein eigenes Schicksal einbringt. Sie spielen im Unterschichts- und Arbeitslosenmilieu, Protagonisten sind zum Beispiel Arbeitslose, Obdachlose und perspektivlose Jugendliche. Liebevoll und ausführlich beschreibt Randig die Figuren mit ihren gebrochenen Biografien.

Sein eigenes Leben will Steffen Randig in einem Roman verarbeiten. Genug Stoff für viele Seiten sollte vorhanden sein. Eine unglückliche Ehe, aus der drei Kinder hervorgingen, mit denen er aber keinen Kontakt mehr hat. Acht Jahre Krümmede, in denen Steffen Randig vor rund 30 Jahren erstmals mit dem Schreiben in Kontakt kam – als Redakteur von Gefängniszeitung und -radio. Burkhard Lammert, der Bruder des heutigen Bundestagspräsidenten, habe damals einen Literaturkreis für Häftlinge angeboten, erzählt Steffen Randig. Dass nach der Lesung anschließend alles mögliche in die Geschichten hineininterpretiert wurde habe ihm aber nicht so gut gefallen.

Geboren wurde Steffen Randig, der in den 70er Jahren in Witten landete und seitdem in der Region lebt, übrigens in Ostberlin. 1956, mit acht Jahren, kam er in den Westen. Aber das ist eine andere Geschichte. Steffen Randig wird sie aufschreiben, in seinem Roman.

Jens-Martin Gorny

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