Schlagabtausch der Kandidaten auf dem Schnee

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Was wir bereits wissen
Sonja Leidemann und Frank Schweppe zu Gast bei den SPD-Ortsvereinen Rüdinghausen-Schnee, Stockum und Ardey-Borbach in Witten. Wie sich beide präsentierten und wie das bei den Besuchern ankam.

Witten..  Luftschlangen schmücken die Wände des ehemaligen Klassenraumes, Wärme strömt durchs Treppenhaus, vom Parkplatz pilgern die Genossen ins Licht: Heute Abend sollen hier, in der alten Volksschule Rüdinghausen, jetzt Begegnungszentrum, die beiden Bewerber für die SPD-Bürgermeisterkandidatur ihr Sprüchlein aufsagen. Sonja Leidemann, erste Bürgerin der Stadt, soll erklären, warum sie den Job die nächsten fünf Jahre immer noch will. Frank Schweppe, Erster Beigeordneter, soll sagen warum er seine Chefin herausfordert.

Puffer zwischen den Konkurrenten

Die Reihen füllen sich, um kurz nach acht ist noch mancher Stuhl leer. Die Gastgeber – die SPD-Ortsvereine Ardey-Borbach, Stockum und Rüdinghausen-Schnee – gehören zu den kleineren im Stadtverband. „Wir freuen uns, dass wir die ersten sind, die beide Kandidaten bei uns empfangen“, sagt Robert Beckmann, der als Vorsitzender der Rüdinghauser Genossen Hausherr ist. Jung ist er auch, wohl der Jüngste hier. Und Puffer zwischen den Konkurrenten, die links und rechts neben ihm Platz nehmen. „Danke Sonja, danke Frank. Vielleicht stellt Ihr Euch kurz vor?“

Ja, vorstellen könne man sich, sagt Schweppe, aber noch wichtiger sei ihm, dass es heute Abend „kein Duell zwischen mir und Sonja geben wird“. Leidemann nickt. „Wir arbeiten seit vielen Jahren zusammen – meistens waren wir einer Meinung, und wenn wir es nicht waren, haben wir uns geeinigt.“ Zwischenruf aus der hinteren Reihe. „Aber wir sitzen ja nicht hier, um zu hören, wie gut ihr Euch versteht. Wir wollen wissen: Warum habt ihr Bock auf den Posten?“, entfährt es Rainer Goldbach.

Projekte gemeinsam angeschoben

„Ich mache meinen Job auf Platz zwei gerne. Ich verstehe mich als ersten Diener dieser Stadt“, bilanziert Schweppe. „Jetzt habe ich die Möglichkeit, auf Platz eins zu rücken.“ – „Ich habe in den letzten beiden Legislaturperioden gute Projekte für die Stadt auf den Weg gebracht“, bilanziert Leidemann. „Die möchte ich zu Ende bringen.“ Soziale Stadt Annen, Museumsanbau, Umgestaltung des Kornmarktes, Renovierung des Rathauses, Ausbau der Kindergärten. . . „Wir haben diese Dinge gemeinsam angeschoben.“ Blick Leidemann von links nach rechts. Nicken Schweppe von rechts nach links. „Ich arbeite seit Jahren an den Themen Jugend, Schule und Soziales. Das würden auch meine Schwerpunkte als Bürgermeister bleiben. Außerdem würde ich Personalfragen wieder zur Chefsache machen.“ Irgendwo fällt eine Flasche um.

„Aber wenn ihr so ein tolles Team seid, wieso soll sich das ändern?“, fragt Doris Eger. „Warum, Frank, trittst Du überhaupt gegen Sonja an?“ Solange die Presse im Raum sei, werde er das nicht sagen, weicht Schweppe aus. „Das finde ich undemokratisch“, ruft Volker Rieber dazwischen. „Sag uns, was Du zu sagen hast!“ Raunen im Saal.

„Sonja redet ja auch nicht Tacheles“, kommt es von rechts. „Sonja, wenn wir Dich nicht als unsere Kandidatin wählen: Trittst Du dann ohne uns an?“ Sie werde alles tun, um einen demokratischen Prozess herbeizuführen, weicht Leidemann aus. „Wir haben Dich zu dem gemacht, was Du bist. Und hier taktierst Du rum!“ Kaum einer hört mehr den anderen.

Geräuschkulisse schluckt Sätze

„Uns ist doch allen klar, warum wir hier sitzen.“ Wilfried Hartmann versucht, die Kollegen auf der anderen Tischseite zu erreichen. „Es gibt ein paar Quertreiber in der Partei, die mit Sonja an der Spitze nicht klar kommen.“ Pause. „Wir zerreißen uns selbst. Manchmal verstehe ich die Welt nicht mehr.“ Die Geräuschkulisse verschluckt die letzten Sätze. Doch Frank Schweppe hat sie gehört. Das sei eben der Grund, warum er für das Amt antreten wolle. „Ich glaube nicht, dass im Rathaus ein ruhiges Arbeiten möglich ist, solange der Konflikt besteht.“ Aber die Sonja könne doch gar nichts dafür, versucht es noch jemand. . .

Der Hausherr bringt ihn zum Schweigen. Der Abend ist zu Ende. Morgen werden hier Frauen wieder Bauchtanz üben, eine Etage tiefer werden Kinder toben. Die Luftschlangen bleiben hängen. Die tollen Tage fangen gerade erst an.