Schienenbus auf Geburtstagsfahrt durch Witten

Der Schienenbus auf Jubiläumstour.
Der Schienenbus auf Jubiläumstour.
Foto: Barbara Zabka
Was wir bereits wissen
Der kleine rote Schienenbus fuhr die Strecke von Hagen nach Bochum und zurück erstmalsvor genau zehn Jahren. Eine Geburtstagstour.

Witten..  „Von hier kann man mal ganz in Ruhe das Ruhrtal genießen – richtig entspannend“, sagt Christiane Kleff. Die 51-Jährige sitzt im Schienenbus, der Samstag vor genau zehn Jahren zum ersten Mal an der Ruhr entlangfuhr. Von Bochum Dahlhausen nach Hagen und zurück, vorbei an Zeche Nachtigall, Burgruine Hardenstein und Henrichshütte – die Trasse führt entlang so mancher Sehenswürdigkeit.

Samstagmittag, 14.01 Uhr. Gleich hält der Schienenbus Richtung Bochum-Dahlhausen an der Bommeraner Uferstraße. Fast pünktlich nähern sich die drei dunkelroten Wagen. Anja Zumbrink und Christiane Kleff aus Dortmund winken wild. An der Uferstraße hält der Bus nur bei Bedarf, Hinweise an den Lokführer sind daher ausdrücklich erwünscht. Quietschend kommt der Zug zum Stehen. Dieselgeruch liegt in der Luft. Die beiden erinnern sich noch, wie solche Züge auf dem Rheinischen Esel von der Bahn eingesetzt wurden – „Anfang der 1970er war das“.

Die Toilette heißt Abort

Steigt man in den Schienenbus, fühlt man sich sofort vierzig Jahre zurück versetzt: Die Innenausstattung ist schlicht, die Kabinenwände bestehen aus Blech, die Toilette heißt „Abort“. Über 20 Fahrgäste sitzen auf den gut gefederten Sitzpolstern in kräftigem Türkis. „Toll, dass man hier dieses Altertümliche noch mal erleben kann“, schwärmt Hans Hater (69). Der Bottroper kam extra mit Frau Marlis (66) und Enkel Johannes nach Witten. Der achtjährige Johannes sitzt auf dem Lokführersessel – keine Sorge, es ist nur der für die Rückfahrt. Gemächlich ruckelt der Zug an der Gruben- und Feldbahn im Muttental vorbei. „Wenn ich hier drücke, gehen die Scheibenwischer an“, sagt Johannes und beugt sich über die Anzeigen. „Aber das mache ich nicht, sonst störe ich ja den Lokführer vorne“, weiß der Lokfan.

Zugfahren erleben, wie es im ICE nicht mehr möglich wäre. Der würde aber auch nicht an der Burgruine Hardenstein entlang fahren. „Die Ruine ist aus dem 13. Jahrhundert“, erklärt eine Männerstimme vom Band. „Ach herrlich hier mit der Fähre über die Ruhr“, schwärmt Silvia Gerwin. Die 60-Jährige kommt aus Papenburg in Ostfriesland und ist nur zu Besuch. Hermine (65) und Peter Schröer (70) haben ihre Gäste mit auf die Schiene genommen – auch für die beiden Bochumer das erste Mal. „Ich habe früher in der Fahrkartenausgabe in Wengern-Ost gearbeitet“, erzählt Peter Schröer. Wo früher die Züge der Deutschen Bahn hielten, stoppen heute nur noch Museumszug und Schienenbus. Und wie gefällt es den niedersächsischen Besuchern in der Metropole Ruhr? „Sehr gut! Hier ist es nicht so platt wie daheim“, sagt Horst Gerwin (63) lachend. Ein Wasservogel fliegt neben den großen Scheiben des Schienenbusses her. Die Gäste knipsen wie wild, bevor das Federtier abdreht.

Die Heimat genießen

Der Schienenbus nähert sich Herbede, die Schranke an der Meesmannstraße streikt. Ein Zugbegleiter steigt aus, rennt nach vorne und hält mit einer orange-weißen Fahne die Autos an. Langsam fährt der Zug wieder an. „Das ist wirklich interessant, die ganzen Traditionsfirmen mal von hinten zu sehen“, sagt Christiane Kleff. Die Werke von Lohmann oder Bötzel kenne sie nur von der Frontseite aus.

Ein echter Vielfahrer ist Mathias Bosselmann: Mindestens dreimal im Jahr fährt der 49-Jährigemit dem nostalgischen Zug – ob sich da schon eine „Bahncard“ lohnt? Frau Sabine (43) und Sohn Julian (5) sind mit dabei. Die Hattinger Familie hat sogar Reiseproviant eingepackt: Apfeltaschen, Croissants und eine Banane stehen auf dem Bord-Menü. Die Burgruine Hardenstein liegt auf der linken Seite. Am besten gefällt der Familie der Streckenabschnitt bei Burg Blankenstein. „Da liegen die Gleise direkt am Ruhrufer“, sagt Sabine Bosselmann. Egal, ob Blankenstein, der Tunnel in Welper oder einfach nur die Ruhr selbst: Im Schienenbus genießen Fahrgäste die Heimat in vollen Zügen – und das so richtig entschleunigt.