Richard Siegers Herz gehört den Bienen

Richard Sieger 1996, damals noch Leiter des Lehrbienenstandes Hohenstein.
Richard Sieger 1996, damals noch Leiter des Lehrbienenstandes Hohenstein.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Den Lehrbienenstand auf dem Hohenstein hat Witten Richard Sieger zu verdanken. Heute isst der 87-Jährige keinen Honig mehr.

Witten..  Vor knapp 30 Jahren sorgte ein Bezirksschornsteinfegermeister dafür, dass es auf dem Hohenstein einen Lehrbienenstand gibt. Bis heute lernen Kinder dort Wissenswertes über die Natur und ihre Insekten. Begründer Richard Sieger ist mittlerweile 87 Jahre alt, lebt im Altenheim an der Egge. Auf dem Hohenstein aber sieht man ihn bei schönem Wetter immer noch.

In jüngster Zeit macht der Senior mit Wohltaten von sich reden: Zuletzt spendete er an Weihnachten 2000 Euro für die Flüchtlinge in Bommerholz. Auch der Musikschule gab er Geld und dem Altenheim spendierte er ein neues weißes Klavier. „Das Vorherige war so alt, dass ich erst die Tasten kleben musste, bevor ich spielen konnte“. Nun nutzt er das gestiftete Piano täglich, Sieger spielt drei Volkslieder fürs Publikum und einmal in der Woche begleitet er auf dem Piano den Pastor beim Gottesdienst.

Hefekuchen für die Zimmernachbarn

Richard Sieger lebt in einem großen Zimmer mit Balkon. Den hat er hübsch bepflanzt, seine Tomatenstauden tragen im Sommer Früchte. Am Vogelhäuschen herrscht emsiger Betrieb. Die vielen Orchideen auf der Fensterbank verraten: der Mann hat ein Händchen für Pflanzen. „Ich wollte immer etwas machen, an dem auch andere Freude haben“, umreißt er sein Lebenswerk. Und sei es nur im Kleinen: Mal bepflanzt er den Vorgarten des Altenheims, mal nimmt er seine drei Backbleche und verschwindet in der Küche. Hefeteig, Obst, Streusel – da kriegt mancher Zimmernachbar ein Stückchen ab. Sein Herzensstück aber war das Lehrbienenzentrum. Dafür erhielt der Imker 1989 das Bundesverdienstkreuz.

Als Mitglied des Kreisimkerverbandes legte er sich mit der Idee bei der Stadtspitze, Bürgermeister Klaus Lohmann und Oberstadtdirektor Emil Dreidoppel, ins Zeug. Vielleicht zu sehr: 10 000 DM musste er aus dem eigenen Portemonnaie zuschießen. „Darüber war meine Frau nicht gerade erfreut.“ Da ahnte die Dame nicht, wie viel Zeit, Energie und Geld ihr Mann noch in die Anlage stecken würde.

Eine Klasse „mit besonders vielen Bengels“

„Über tausend Kindern“, schätzt Sieger, habe er sein „Wissen über Bienen und über die Natur“ mitgeteilt. Im Sommer kamen werktags Schulklassen, an den Wochenenden Vereine. Gern erinnert er sich an eine Klasse „mit besonders vielen Bengels“: „Als ich dann eine Wabe herauszog, mit 2000 Bienen drauf, hab’ ich gefragt: Wer traut sich, die zu halten? Und wer meldet sich? Ein Mädchen!“ Als Belohnung gab es stets ein Glas Honig.

Den wiederum isst Richard Sieger – weil magenoperiert – längst nicht mehr. Irgendwann auch wurde ihm die Sache zu mühsam: „Bis zu vierzehn Zentner Honig hatte ich manchmal. Das sind über 100 Gläser. Den Honig muss man rühren und stampfen, das ist unendlich viel Arbeit.“

Als viertes von neun Kindern kam Richard Sieger zur Welt, aber er verstand es früh, mit Herz und Fleiß zum Ziel zu kommen. Klavierspielen konnte er nur lernen, weil er die Zigaretten, die er als Schornsteinfeger geschenkt bekam, an den Klavierlehrer weitergab. Im Krieg desertierte er – und überzeugte eine bayrische Bäuerin, ihn auf ihrem Hof zu verstecken. Land und Leute wuchsen ihm ans Herz. Und doch ist er froh, seinen Lebensabend in Witten zu verbringen. „Wenn ich mit meinem Rollator auf dem Hohenstein spazieren gehe, lasse ich den Blick übers Ruhrtal schweifen und freue mich: Wie wundervoll ist’s, wo ich hier gelandet bin.“