Post vom Jugendamt - Eltern unter falschem Verdacht
30.01.2010 | 09:48 Uhr 2010-01-30T09:48:00+0100
Witten. Post vom Jugendamt sorgt für Unruhe bei zahlreichen Eltern. Ein Fall aus Witten zeigt: Auch, wer mit seinen Kinden zu allen Vorsorgeuntersuchungen geht, kann trotzdem eine schriftliche Ermahnung bekommen. Der Jugendamtsleiter spricht sogar von 80 bis 90 Prozent versandten Fehlermeldungen.
Da staunte Nicole H. nicht schlecht. Zuerst flatterte ein Brief im Dezember vom Land ins Haus, im Januar folgte einer des Jugendamtes. In beiden Schreiben wurde die Wittenerin aufgefordert, ihre Tochter zur Früherkennungsuntersuchung „U 7” zu bringen. „Ich habe mich sehr gewundert, denn die Untersuchung wurde bereits im Spätsommer gemacht”, so die Mutter von drei Kindern.
Als pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte weiß sie, dass Kinderärzte in NRW inzwischen gesetzlich verpflichtet sind, die Untersuchung der U 6 bis U 8 an das Landesinstitut Gesundheit und Arbeit (LIGA) zu melden. Hintergrund sind die zahlreichen Misshandlungsfälle in Deutschland.
Bis zu 90 Prozent Fehlermeldung
Im Gegensatz zu vielen Eltern, denen diese Meldepflicht nicht bekannt ist, weiß die 36-Jährige gut Bescheid. „Ich arbeite schließlich selbst bei einem Kinderarzt und wir haben fast täglich Fälle, in denen Eltern auch diese Briefe bekommen und umso überraschter sind”, sagt Nicole H. Das Jugendamt erinnerte sie per Post an die freiwillige Untersuchung und stellte gleichzeitig einen Besuch der Familienhilfe in Aussicht, sollte der Check nicht vom Arzt bestätigt werden.
„Ich mache die Untersuchungen regelmäßig mit meinen Kindern”, sagt Nicole H. entrüstet. Dass Eltern erschreckt oder wütend sind über solche Schreiben, kann Jugendamtsleiter Herrmann durchaus nachvollziehen. Gut 15 Erinnerungen pro Monat verschickte die Behörde seit September 2009. „Gut 80 bis 90 Prozent waren Fehlermeldungen”, räumt Herrmann ein. „Die Restlichen hatten es vergessen oder wegen Sprachproblemen nicht verstanden, worum es ging.”
Ein doppeltes Missverständnis
Harald Herrmann spricht von Anlaufschwierigkeiten. Die LIGA hatte zu Beginn der Aktion Eltern zu früh angeschrieben. Entweder waren die längst mit ihren Kindern beim Arzt gewesen oder wollten erst später hin, etwa gegen Ende des Untersuchungszeitraums. Das Landesinstitut benachrichtigte gleichzeitig das Jugendamt – in der Annahme, die Untersuchung habe nicht stattgefunden. Daraufhin schrieb das Jugendamt die Eltern noch selbst an: quasi ein doppeltes Missverständnis.
Gleichwohl hält Herrmann die Erinnerung für sinnvoll. „Wir wollen den Eltern Hilfe anbieten.” Erfolge die Untersuchungen nicht, könne dies den Eindruck der Gleichgültigkeit erwecken. „Wir können sonst nur nach konkreten Hinweisen tätig werden und dann ist es oft schon zu spät. Wenn wir auf diese Weise nur einen 'Fall Kevin' verhindern, ist die Aktion schon ein Erfolg.”
Erklärung: verloren gegangene Post
Diese Auffassung kann Nicole H. auch nachvollziehen. Dennoch fühlte sie sich zu Unrecht verdächtigt, sich nicht ausreichend um das Kindeswohl zu kümmern. Dass die Behörden offenbar nichts von dem längst im August erfolgten Vorsorge-Check der Tochter wussten, erklärt die LIGA mit verloren gegangener Post. Nicole H.: „Mir wurde in Düsseldorf gesagt, dass die Daten nach Berlin geschickt werden. Aber da sind sie anscheinend nicht angekommen.”
Die Ärzte hätten vorgedruckte Umschläge, in denen das Formular mit den Daten der Kinder an einen Dienstleister nach Berlin geschickt werde, erläutert Gaby Lopia vom Landesinstitut. „Dort werden sie eingescannt.” Im Falle von Nicole H. seien die Daten in Berlin nicht eingegangen. Die LIGA wolle solche Fälle nutzen, um Prozesse zu optimieren. Lopia: „Dafür ist das Thema viel zu wichtig, als dass es an solchen kleinen Fehlern scheitert."
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