Pflegende Kinder brauchen Hilfe
01.12.2010 | 17:40 Uhr 2010-12-01T17:40:00+0100
Witten. Wenn Kinder ihre Eltern pflegen, dann muss das nicht immer zum Schaden der Minderjährigen sein, weiß Dr. Sabine Metzing-Blau, die neue Juniorprofessorin der Uni.
Sie befasst sich mit dem Themenfeld „Kinder und Jugendliche“, Schwerpunkt „pflegende Kinder“, und wurde jetzt von der Universität Witten-Herdecke zur ersten Juniorprofessorin Deutschlands in der Pflegewissenschaft berufen.
„Es ist wichtig, dass Kinder sozial verantwortliches Handeln lernen. Aber es gibt Grenzen, beispielsweise bei der Intimpflege der Eltern, das ist für Kinder beschämend“, weiß sie aus Erfahrung. Bereits seit 2004 erforscht sie, was passiert, wenn Kinder ihren chronisch kranken Eltern unter die Arme greifen. „Meist geht es darum, den Familienalltag aufrecht zu erhalten. Es kommt auf den Rahmen und die Unterstützung an, manche Kinder empfinden es auch als positiv, ihren Beitrag für die Familie leisten zu können.“ Sie kaufen ein, kümmern sich um jüngere Geschwister, schließen Lücken.
Die 1967 geborene Wissenschaftlerin vom Department für Pflegewissenschaft der Uni, die vor ihrem Studium eine Ausbildung zur Krankenschwester absolvierte und anschließend Pflegepraxis in der kardiologischen Intensivpflege in Koblenz sammelte, geht - basierend auf in Großbritannien erhobenen Zahlen - von 225 000 pflegenden Kindern in Deutschland aus. Von 2004 bis 2007 interviewte sie deutschlandweit für eine Studie Betroffene, ermittelte u.a., wie sie pflegen, welche Hilfe sie sich wünschen. Zudem lernte sie Hilfsprojekte in Großbritannien kennen. Darauf basierend entwickelte Metzing-Blau ein Konzept.
Denn: „Viele Familien sind mit dieser Situation überfordert und wünschen sich Hilfe und Unterstützung, vor allem für die Kinder. Eine zentrale familienorientierte Anlaufstelle, die die vielfältigen Bedürfnisse aller Betroffenen aufgreift und koordiniert, gab es in Deutschland bislang aber nicht“, sagt die engagierte Juniorprofessorin, die bereits an der hiesigen Universität studierte und vor der Promotion als wissenschaftliche Mitarbeiterin in unterschiedliche Forschungsprojekte eingebunden war. Für diese Kinder und ihre Familien ist in Hamburg-Altona das bundesweit erste Projekt „SupaKids“ entstanden, das von der DRK-Schwesternschaft Hamburg e.V. getragen und von Aktion Mensch gefördert wird. „2008 hatten wir zur einer Expertentagung geladen, zwei Kommunen im Ruhrgebiet hatten Interesse an dem Projekt, aber die Finanzkrise kam, das Geld fehlte.“ Die DRK-Schwesternschaft sei der einzige Träger gewesen, „der damals hier gerufen hat“, erklärt sie, warum das Projekt im Norden umgesetzt wird.
„Im deutschsprachigen Raum stehen wir mit dem Wissen über pflegende Kinder, über Unterstützungsbedarfe und Langzeitverläufe erst am Anfang. Wünschenswert wäre auch, das Konzept von „SupaKids“ auf Langzeiteffekte zu überprüfen.“ Ferner bestehe Bedarf sowohl an Erhebungen mit ehemalig pflegenden Kindern als auch an epidemiologischen Daten zu pflegenden Kindern in Deutschland.
Als Schwerpunkt innerhalb der Fakultät für Gesundheit möchte sie die Situation von Kindern als Angehörige kranker Familienmitglieder aufbauen. Doch dabei gilt es, kranke Kinder und Jugendliche nicht aus dem Blick zu verlieren, sondern ebenfalls stärker zu beachten. Da die Fakultät für Gesundheit sowohl Humanmedizin als auch Pflegewissenschaft beinhaltet, bietet sich für den Schwerpunkt Versorgungsforschung die „einzigartige Chance“, beide Perspektiven miteinander zu verbinden und interdisziplinäre Forschungsprojekte durchzuführen.
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