Paketboten in Witten verlieren ihre Stammbezirke

Ob mit Stichtag 1. April noch der vertraute Paketbote ins Haus kommt, ist nach der Gebietsreform der Post fraglich. Die gelben Fahrzeuge bleiben aber die gleichen
Ob mit Stichtag 1. April noch der vertraute Paketbote ins Haus kommt, ist nach der Gebietsreform der Post fraglich. Die gelben Fahrzeuge bleiben aber die gleichen
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Die Post will einen Teil ihrer Paketzusteller in eine andere GmbH auslagern, angeblich, weil dort andere Tarife bezahlt werden. Der Ärger ist groß.

Witten..  Langjährigen Wittener Paketzustellern und ihren Kunden droht ab dem 1. April Ungemach. Es kann sein, dass der vertraute Bote nicht mehr kommt. DHL ordnet die Reviere neu, zum Ärger gerade der betroffenen Mitarbeiter. Einige packten gegenüber der Redaktion aus.

Hinter dem großen Blumenkübel, unter der Treppe oder in der Garage verstecken freundliche Paketzusteller der DHL Pakete für Kunden, wenn diese nicht zu Hause sind. „Unser Zusteller weiß genau, welcher Nachbar wann da ist und auch, wo er Pakete ablegen kann, wenn niemand zu Hause ist“, sagt Silke Held. Sie und ihre Nachbarn kennen „ihren“ DHL-Boten seit Jahren und vertrauen ihm. Ab heute könnte erst einmal Schluss mit dem tollen Service sein.

„Meine Kunden sind für mich fast so was wie Familie“

Die DHL versetzt in Witten zum 1. April fast alle Paketzusteller in neue Bezirke. Der Unmut darüber ist groß. „Meine Kunden sind für mich fast so was wie Familie. Mit den meisten duze ich mich“, sagt ein Paketzusteller, der seit Jahrzehnten bei der Post ist und seinen Namen aus Angst vor Ärger mit dem Arbeitgeber nicht nennen möchte. „Manchen gebe ihre Pakete kurz auf der Straße raus, wenn ich sie treffe. Einem bringe ich seine Pakete zur Arbeit, wenn er nicht zu Hause ist, und jetzt werde ich einfach in einen mit völlig fremden Stadtteil versetzt. Andere Kollegen, die langjährige Bezirke verlassen müssen, sollen jetzt sogar als Springer arbeiten.“

Hintergrund der großen Personalverschiebung ist nach Angaben dieses Mitarbeiters die Gründung der „Post Delivery GmbH“, in der Zusteller künftig nach den für den Arbeitgeber günstigeren Tarifen der Speditions- und Logistikbranche beschäftigt werden. Dabei kann die Post nicht alle Zusteller versetzen. „Wer vor 1996 schon da war, bleibt bei der Post, weil er Besitzstandsschutz hat. Manche sind ja auch noch Beamte“, weiß der Mitarbeiter. Die Zusteller, die in aller Frühe in der Wittener Zustellbasis ihre Wagen packen, gehören also künftig zu zwei Arbeitgebern – zur Deutschen Post oder zur Post Delivery GmbH. Nach welchen Kriterien man dem neuen Unternehmen nun Zustellbezirke zugeordnet habe, ist für die Beschäftigten unverständlich.

„An guten Service auf keinen Fall gedacht“

„An guten Service für die Kunden hat man dabei auf keinen Fall gedacht. Die Kundenzufriedenheit, die wir Stammzusteller in unseren Bezirken über Jahre erarbeitet haben, tritt man jedenfalls mit Füßen“, ärgert sich ein langjähriger Postmitarbeiter. Postkunde Markus Walter hat neulich schon erlebt, dass nicht jeder Zusteller der Post so freundlich und verlässlich ist wie der, der ihm seit Jahren die Pakete ins Haus trägt: „Da wurde ein über 20 Kilo schweres Paket einfach auf dem Bordstein abgestellt. Er habe es an der Bandscheibe, hat der Zusteller zu meiner 81-jährigen Schwiegermutter gesagt und ist einfach weggefahren.“

Auch Pfarrer Friedrich Barkey (St Josef Annen) gehört zu den verärgerten DHL-Kunden, die nicht verstehen, warum Stammzusteller ihre Bezirke nicht behalten dürfen: „Wir haben hier die Bücherei und bekommen jeden Tag Pakete. Unser Zusteller ist für uns wirklich ein Schwerlastträger. Aber er ist immer freundlich, hilfsbereit, und wir kennen ihn seit über zehn Jahren. Dass er nun nicht mehr kommt, macht mich traurig.“

Post verweist auf unternehmerische Freiheit

Bei der DHL ist man derweil sicher, dass sich die Kunden „schnell an neue Gesichter gewöhnen werden“. Thomas Kutsch, Regional-Sprecher der Deutschen Post, verweist auf die Entscheidungsfreiheit des Unternehmens: „Wer wo zustellt, ist Sache des Arbeitgebers.“

Veränderungen in den Bezirken sind nach Angaben des Unternehmenssprechers nichts Ungewöhnliches. Dies habe mit organisatorischen Fragen zu tun. „Wir verstehen, wenn Kunden einen Wechsel bedauern, hoffen aber, dass sie auch dem jeweils neuen Mitarbeiter eine Chance geben.“

Mitarbeiter vermuten noch eine ganz andere Absicht

Mit etwas mehr organisatorischem Geschick, sagen die langjährigen Wittener DHL-Mitarbeiter, hätte trotzdem mancher Stammzusteller seinen Bezirk behalten können. Doch sie vermuten hinter dem großen Wechselspiel noch eine ganz andere Absicht: „Vielleicht will man älteren, besser bezahlten Mitarbeitern so auch die Freude an der Arbeit nehmen, damit sie so früh wie möglich gehen.“