Originelle Reime in der Wittener Werkstadt

In Aktion: Christoph Koitka, der Sieger des Abends, beim Poetry Slam.
In Aktion: Christoph Koitka, der Sieger des Abends, beim Poetry Slam.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Beim Poetry Slam „Sprechstunde“ in der Werkstadt überzeugten die Teilnehmer das Publikum mit originellen eigenen Texten.

Witten..  Giacomo Rollke lässt die Gäste des zweiten Poetry Slams des Jahres in das Café-Treff der Werkstadt. Das Interesse ist ordentlich, am Ende bleiben nur wenige Stühle frei.

„Wir haben noch einen weiteren Slammer“, hört er, und schreibt Christoph Koitka zu den zehn schon vorhandenen Namen auf die Liste. Bis auf eine Aachenerin sind alle erschienen: vier Frauen, sechs Männer. Das Publikum ist ähnlich bunt wie die Autoren, die sich darin verteilen: Von Jung bis älter ist alles dabei. Fast alle sind Poetry-Slam-erfahren: Auf Nachfrage, wer zum ersten Mal solch einen Dichterwettstreit besucht, hebt sich nur ein Arm.

Die weiteste Anreise hat Jesko Habert aus Berlin, womit er wohl auch das meiste Geld erwarten kann. Denn die Vortragenden erhalten keine Gage, nur Fahrtkosten. Was wiederum Felicitas Friedrich aus Bochum und Björn Rosenbaum aus Dortmund zu den Geringverdienern des Abends macht. Aber der Spaß steht sowieso im Vordergrund.

Als Moderator übernimmt der routinierte Markim Pause, übrigens kein Künstlername, die „Sprechstunde“, wie der Wittener Slam heißt. Seit 2006 ist er Gastgeber, zurst in der Werkstadt, seit 2009 im Treff. Fünf Jury-Teams verteilen maximal zehn Punkte, und die Mehrzahl dieser Teams meldet sich spontan, um die Punktekarten in Empfang zu nehmen. Der höchste und der niedrigste Wert wird gestrichen, sodass maximal 30 Punkte erreichbar sind. Um die Jurywertungen zu „eichen“, wie Markim Pause erklärt, trägt er ein kurzes eigenes Gedicht vor und erreicht zwischen sechs und neun Punkten.

Publikum entscheidet per Applausstärke

Das Los legt Jesko Habert als Starter der zehn Konkurrenten fest. Für ihn wie für alle anderen gilt: Der Text muss selbstgeschrieben sein und darf sechs Minuten nur minimal überschreiten. Als einzuhaltender Ehrenkodex unter Slammern gilt, einen Text nie zweimal in einem Ort vorzutragen. Der Berliner, der gerade auf einer Slam-Tour in NRW unterwegs ist, überzeugt mit gerapptem Intro und gereimten Inhalten. Die Jury urteilt aber vorsichtig mit 21 Punkten, was für das Halbfinale nicht reichen wird. Christoph Koitka aus Herten bzw. Recklinghausen holt mit strukturierter Prosa über den über-lebenden Loser Torsten 23 Punkte. Michael Schumacher (Xanten) wird nicht dafür belohnt, seiner Figur Breuskamp tief in schmutzige Abgründe zu folgen -- 17 Punkte. Hendrik „Lolo“ Schilling (Wuppertal, 20 Punkte) und Heinrich Gebrande (Altena, 19 Punkte) lassen in ihre traurigen Seelen und Leben blicken, ebenso Saskia Kernig alias Sazzels (sprich: Sässels mit weichem „ss“) aus Bottrop: 21 Punkte.

Publikum und Jury setzen mehr auf humorige Unterhaltung: Lokalmatador Björn Rosenbaum erreicht mit Körper- und Stimmeinsatz sowie witzigen Einblicken in (s)einen Montag den Bestwert der Vorrunde: 27 Punkte. Von der guten Stimmung profitieren auch die folgenden, denn Kendra Löwer aus Bitburg (25 Punkte), Christina Mühlig alias Frau Lore aus Köln (24) und Felicitas Friedrich aus Bochum (22) erreichen alle das Halbfinale.

Das eröffnet Frau Lore, die mit einem Text über „Was ich bin“ satte 26 Punkte vorlegt -- nur die zwei Slammer mit der höchsten Punktewertung sollen ins Finale kommen. Kendra schafft 24, Felicitas trägt nach Hendrik das zweite Mal über Selbstverletzung vor und erhält 23 Punkte. Björn empfiehlt sich mit lustigen Buserlebnissen, den ersten zehn Punkten des Abends und 26 Punkten fürs Finale, wird aber noch von Christoph und dessen Reimen überholt -- 27 Punkte, auch mit einer Zehner-Wertung. Die Jury wertet insgesamt eher hoch als niedrig, eine Vier ist nie zu sehen.

Markim Pause, der trotz gebrochener rechter Hand das Geschehen fest im Griff hat, plädiert und entscheidet spontan für ein Dreierfinale. Frau Lore, Björn und Christoph geben ein letztes Mal alles. Das Publikum entscheidet nun per Applausstärke: Der Sieg und eine Sektflasche gehen mit Christoph nach Recklinghausen, Platz 2 und zehn schon recht weiche Überraschungseier an den Dortmunder Björn. Christoph freut sich über den vierten Sieg bei seinem 70. Poetry Slam. Der 25-jährige Lehramtsstudent -- Geschichte und Italienisch -- tritt seit etwa zwei Jahren bei solchen Wettbewerben an, erzählt er strahlend. Das nächste Mal lädt der Treff übrigens am Donnerstag, 18. Juni, zum Slammen ein.