Nun beten sie bei den Damen

Was wir bereits wissen
Ein Brandanschlag in ihrer Moschee? Diese Nachricht empfängt Mikail noch während des Unterrichts über sein Handy. Nach der Schule eilt der 18-Jährige sofort an die Wideystraße. Auch um zu gucken, vor allem aber, um zu beten.

Witten.. Ein Brandanschlag in ihrer Moschee? Diese Nachricht empfängt Mikail noch während des Unterrichts über sein Handy. Nach der Schule eilt der 18-Jährige sofort an die Wideystraße. Auch um zu gucken, vor allem aber, um zu beten.

Weil der große Gebetsraum nach dem Feuer in der Nacht verkohlt ist, schickt der Hodscha die Gläubigen mittags in den kleineren Frauen-Gebetsraum. Für das Freitagsgebet, wenn viele hundert Muslime in die Moschee strömen, wollen sie wohl Teppiche in den Garten legen. Der große Gebetsraum ist wohl länger nicht mehr nutzbar.

Wie sehr die Moschee für die 400 Mitglieder der türkisch-islamischen Gemeinde auch ein Zuhause ist, zeigt sich an diesem Dienstagmittag. Wie kann man ihr Allerheiligstes nur anzünden? Fassungslos stehen ausnahmslos Männer in der Frühlingssonne im Garten des Geländes. Dieses Areal haben sie, ihre Väter oder Großväter aufgebaut. Sie haben ihr Geld gespendet, haben gestrichen, verputzt, gefliest, den Garten angelegt. Bei besonderen Feiern, etwa zur „Kermes" am Wochenende, versammeln sich hier bis zu tausend Gäste.

Moscheebrand Das sind übrigens nicht nur Türken. Auch viele Deutsche kommen dann, um ein Glas Tee zu trinken, sowie Muslime anderer Nationalität: Libanesen, Araber, Schwarzafrikaner. Bis vor kurzem betete auch die bosnische Gemeinde in der Sultan Ahmet Camii. Nun hat sie ihr Kulturzentrum an der Breite Straße. Zwei weitere Moscheen gibt es noch in Witten: die Ayasofya Camii an der Annenstraße und die Fatih Camii in Herbede.

Die türkisch-islamische Gemeinde hat sich stets um ein nachbarschaftliches Verhältnis bemüht. So sind etwa die Pfarrer der christlichen Gemeinden häufig zu Gast. Und nun zündete ein Einbrecher den Teppich des Gebetsraumes an. Wie leicht hätte das ganze Gebäude mit drei darin schlafenden Familien in Flammen stehen können. „Das wird uns nicht daran hindern, unsere Arbeit fortzusetzen. Wir bleiben, was wir sind“, sagt Gemeindemitglied Yüksel Dogan, der „aus Überzeugung“ den deutschen Pass hat.

Kommentar Der 47-Jährige erinnert sich noch daran, wie sie das einstige Männerwohnheim zum Gemeindezentrum ausbauten und die Schrebergärten zum Moscheegarten. Erst vor elf Jahren verzierte man den Gebetsraum mit orientalischen Fliesen. Die Teppiche werden alle fünf Jahre erneuert – aus hygienischen Gründen.

Auch Yavuz (17) fühlt sich auf dem Gelände zu Hause. Er zeigt den Jugendraum, in dem er und sein Freund Mikail oft Kicker spielen. Beide beten fünfmal täglich. „Wenn es passt, komme ich in die Moschee. Sonst habe ich einen Gebetsteppich zu Hause“, sagt Yavuz. Und: „Das ist das erste Mal, dass ich erlebe, dass jemand etwas gegen unsere Moschee hat.“

Die Aufzeichnungen des Anschlags durch die Überwachungskameras, diesen „schlechten Film“ in pixeligem Schwarz-Weiß, kennen inzwischen fast alle. „Aus unserer Gemeinde kommt der Mann nicht“, ist sich Levent Celik vom Vorstand sicher. Warum gibt es eigentlich die sechs Kameras? „Die haben wir erst vor drei Jahren angeschafft“, sagt Celik. „Nachdem jemand aus dem Gebetsraum mal ein Portmonee geklaut hat.“