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Neue Ausstellung blickt in die hässlichen Ecken

02.07.2010 | 16:03 Uhr
Neue Ausstellung blickt in die hässlichen Ecken
Neue Ausstellung im Märkischen Museum: Erodere. Die Künstler Slawomir Elsner und Markus Draper (v.l.) vor einem Werk von Elsner. Foto: Arne Poll, WAZ Fotopool

Witten. Rauchende Schlote, Maloche auf Zeche: Mit blühenden Landschaften kann das Ruhrgebiet erst seit dem Niedergang der Industrie punkten. Doch was ist geblieben? Das zeigt eine neue Ausstellung im Märkischen Museum.

Der Name der Ausstellung ist gut gewählt: Erodere hießt sie, lateinisch für abtragen, abnagen. Sie blickt bewusst in die hässlichen Ecken, die die Industrialisierung zurückgelassen hat, nicht nur im Ruhrgebiet. Die Expansion im Revier sei teuer erkauft, sagt Kulturforumschef Dirk Steimann. Es gebe nichts, was an die Stelle der Industrie getreten sei. Die Montanindustrie habe drei bis vier Millionen Menschen ernährt, jetzt nur noch einen Bruchteil. Handel, Kulturwirtschaft und Dienstleistung könnten diese Lücke nicht füllen.

Und so ist die Ausstellung gerade im Kulturhauptstadtjahr, in der der Kulturwandel frenetisch gefeiert wird, ein echter Gegenentwurf: „Sie ist eine ziemlich böse Nabelschau“, sagt Kulturforumschef Dirk Steimann. „Da wird die Haut abgekratzt, das geht bis auf die Knochen.“

Doch zuerst geht’s in den Stollen. Zumindest symbolisch. Die beiden Künstlerkuratoren dieser Ausstellung, Markus Draper (geboren 1969 in Görlitz) und Slawomir Elsner (geboren 1976 in Wodzislaw in Polen) haben sie schwarz gestrichen. Und auf eine klassische Zechenkulisse läuft der Betrachter auch zu – auf das Gemälde von Richard Gessner, eine Leihgabe aus der Kunsthalle Recklinghausen. Ihm gegenüber haben die Kuratoren eine Videoinstallation von Renata Kaminski gestellt, in der ein Eurozeichen wie ein Glückssymbol silbern glitzert, und Fotografien von Krzysztof Zielinski, dessen trostlose polnische Arbeitersiedlungen auch in Essen oder Gelsenkirchen stehen könnten.

Jetzt, und so ist es auch gedacht, ist der Betrachter vorbereitet auf die nächste Ebene der Ausstellung. Sie beschäftigt sich damit, welche Wege sich die Energie suchen kann, wenn die schweißtreibende, aber auch sinngebende Maloche wegfällt – zum Beispiel die Gewalt: Es ist regelrecht schmerzhaft anzuschauen, wie sich Videopionier Józef Robakowski Wäscheklammern in die Wange drückt und mit einem Hammer gegen seinen Schädel klopft. Ganz ähnlich fühlt es sich an, wenn man Markus Drapers Kulisse für einen Film anschaut, in der er die Zerstörung eines Hauses, in dem ein englisches Paar viele Frauen getötet hat, nachinszeniert hat. Die Farben, die am Holz hinunterlaufen, sind wie dickflüssiges Blut.

Den Verlust der Kommunikation hat Slawomir Elsner in „Window“ beeindruckend in Szene gesetzt: Seine Gemälde, denen feinste Buntstiftstriche Struktur geben, erinnern an Pinnwände voller Post-its – doch die sind weg und mit ihnen ihre Botschaft.

„Erodere“ ist eine multimediale Ausstellung, die dem Ruhrgebiet tief ins Herz schaut.

Die Ausstellung wird am Samstag um 19 Uhr im Märkischen Museum eröffnet. Die Einführung hält Martin Germann von der Kestnergesellschaft Hannover.

Claudia Vüllers

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