Nerven liegen im Wittener Bahnhof langsam blank

Taxi-Wartschlange am Hauptbahnhof: Die Fahrer wären gerne zu Diensten, doch die Nachfrage ist geringer als sonst
Taxi-Wartschlange am Hauptbahnhof: Die Fahrer wären gerne zu Diensten, doch die Nachfrage ist geringer als sonst
Foto: WAZ
Verhinderte Bahnfahrer sind wohl vor allem aufs Auto umgestiegen. Taxis zeigen sie die kalte Schulter, kaum messbarer Zuwachs bei Bus und Straßenbahn.

Witten..  Journalisten lieben griffige Antworten, die in eine Überschrift passen. Gefragt, ob der einwöchige Bahnstreik den Wittener Bussen und der Straßenbahn 310 mehr Fahrgäste gebracht habe, windet sich Bogestrasprecher Christoph Kollmann: Gut, ein paar Leute mehr seien es sicherlich im ganzen Betriebsgebiet, aber auch nicht unendlich viele...

Und er windet sich weiter, spricht von einem „gefühlten“ Mehraufkommen. Und schaltet am Ende auf Ironie: Die Fahrer hätten jetzt aber auch nicht Alarm geschlagen und Zusatzwagen angefordert, weil sie jemanden vor der Tür hätten stehen lassen müssen.

Das, lieber Herr Kollmann, taugt nun wirklich nicht für eine Überschrift. Dafür kann der brave Mann aber nichts. Er kann uns ja nicht einfach war vorflunkern.

Außerdem kann sich jeder an fünf Fingern abzählen: Wegen des Lokführerausstands auf die 310 umzusteigen, macht keinen Sinn, wo die Privatbahn Abellio doch weiterhin die schnellste Verbindung nach Bochum ist. Wenig wahrscheinlich ist auch, dass sich jemand streikbedingt in den 371er Bus setzt, um nach Dortmund zu fahren – bis Endstation Oespel braucht der schon eine halbe Stunde, wo die S 5 es doch von Hauptbahnhof zu Hauptbahnhof in 16 Minuten schafft, wenn sie auch nur einmal die Stunde (Abfahrt: jeweils drei nach) fährt.

Steigen jetzt vielleicht mehr Wittener aufs Taxi um? „Wir haben kein Mehraufkommen“, sagt eine Fahrerin (50) am Kornmarkt. Am Hauptbahnhof fällt die Bilanz noch viel klarer aus als zum Wochenbeginn: „Hier ist nichts los“, meint ein Fahrer unumwunden. Bis acht Uhr früh kommen noch Pendler aus dem Bahnhof. Danach ist tote Hose.

Nur nur ein bis zwei Kunden könne er dort in einer Sieben-Stunden-Schicht aufnehmen, sagt ein Kollege (28). Sonst seien es „deutlich“ mehr. Dabei ist der Bahnhof seit dem ZOB-Umzug Wittens bester und begehrtester Taxistandplatz. Und es ist doch Monatsanfang – „da nehmen sich normalerweise mehr Leute ein Taxi, weil sie noch Geld in der Tasche haben“.

Aber „normal“ ist am Bahnhof in dieser Woche wenig. Die Leute hätten sich doch längst auf den Streik eingestellt, sagen die Taxifahrer. Die einen hätten sich wohl frei genommen. Andere setzten sich ins eigene Auto oder hätten sich eine private Mitfahrgelegenheit organisiert. Dort treffen die Taxifahrer sie dann wieder, wenn sie mal jemanden zum Flughafen fahren: „Auf der Autobahn ist auf jeden Fall mehr los als sonst“, bestätigt, wen man fragt.

Im Hauptbahnhof selbst nimmt Christine Schäfer (51) von der Brötchentheke inzwischen kein Blatt mehr vor den Mund: „Das war eine Scheißwoche, nicht nur für uns, alle im Bahnhof leiden darunter.“ Das wäre jetzt mal was für eine knackige Überschrift. Aber ganz oben schreiben wir doch lieber: Die Nerven liegen blank. Rund 200 Kunden weniger zählt die Bäckerei weniger als einem normalen Tag.

Reiseagentur im Hbf nicht besetzt

Die private Reiseagentur hat den Rollladen schon seit mehreren Tagen unten. Dort hat man möglicherweise keine Lust, kaum Tickets zu verkaufen und dann noch Blitzableiter für Bahnärger zu spielen, für den man nichts kann. An der Seitetür verweist ein Zettel auf die angekündigte Streikdauer. Im Bahnhof hoffen alle, dass es tatsächlich am Sonntag um neun Uhr vorbei ist.