Nachbarstädte wollen Wittener Firmen schon abwerben

Höhere Steuern können zu Lasten von Investitionen gehen, warnt Erik Böhmer, Geschäftsführer der gleichnamigen Eisenwerke in Annen.
Höhere Steuern können zu Lasten von Investitionen gehen, warnt Erik Böhmer, Geschäftsführer der gleichnamigen Eisenwerke in Annen.
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
Firmen und Arbeitgeberverband waren vor einem weiteren Dreh an der Steuerschraube. Nachbarstädte nutzen das hohe Steuerniveau in Witten schon aus.

Witten..  Die Grundsteuer B wurde erst zum 1. Januar erhöht, was Mieter, Hauseigentümer und Unternehmer trifft. In der Wittener Wirtschaft wächst vor den nächsten „Sparberatungen“ in Politik und Verwaltung die Sorge, dass die Steuer — wie derzeit noch immer geplant – weiter drastisch angehoben wird. Arbeitgeber sähen darin den K.o. für Neuansiedlungen. Nach Informationen unserer Zeitung gibt es schon erste Abwerbeversuche aus anderen Städten.

100 Grundsteuerpunkte auf nun 690 – das hatte so manchen Unternehmer hart getroffen. Bei CDU und SPD sah man angesichts der städtischen Haushaltslage (fast 400 Millionen Euro Schulden) keine Alternative. Schon 2013 war die Erhöhung in einer Absichtserklärung festgehalten worden. Die nächste bittere Pille will „Schwarz-Rot“ durch Einsparungen wenn nicht verhindern, aber doch zumindest etwas entschärfen. Sollte die derzeit im Etat noch veranschlagte Grundsteuerrhöhung auf rekordverdächtige 910 Punkte und der Gewerbesteuer von 500 auf 520 ab 1. Januar 2016 allerdings doch wahr werden, stünde mancher Gewerbetreibende auf dünnem Eis.

„Mit spitzem Bleistift rechnen“

„Man muss schon jetzt mit spitzem Bleistift rechnen“, warnt Karl-Dieter Hoeper, Vorsitzender der Standortgemeinschaft Witten-Mitte. Er weiß: Die Grundsteuer wird über die Nebenkosten an seine über 50 Mitglieder weitergegeben, Kosten, die irgendwann „nicht mehr aufgefangen werden können“. Händler dächten darüber nach, früher aufzuhören. Hoeper sieht auch Neueröffnungen in Gefahr. „Mancher wird sich überlegen, ob er nach Witten kommt und vielleicht feststellen: Nein, das passt in der Endabrechnung nicht.“

Ins selbe Horn bläst der Arbeitgeberverband Ruhr (AGV). Eine Erhöhung auf 910 Punkte wäre „unfair und zukunftsschädlich“. Vor allem wäre „ein dermaßen hoher Hebesatz“ ein „durchschlagendes K.o.-Kriterium für Neuansiedlungen“. „Kannibalisierungseffekte“, wie sie der AGV nennt, also Abwerbeversuche aus steuerlich günstigeren Nachbarstädten, seien in Witten schon „vereinzelt zu beobachten gewesen“. Damit bestätigt der Verband Informationen unserer Zeitung. In den meisten Nachbarstädten, etwa Hattingen, liegen die Steuersätze unter den Wittenern.

Warnung vor weiteren Kostensteigerungen

In der Wittener Industrie denkt man nicht an Rückzug, warnt aber vor weiteren Kostensteigerungen. „Wenn man ein Betriebsgelände erweitert, vergleicht man die Standorte“, weiß Erik Böhmer, Chef des Annener Stahlproduzenten – und schlage die Zelte womöglich woanders auf. Für Unternehmen bedeute eine Steuererhöhung, dass „Geld abfließt, das für Investitionen nicht zur Verfügung steht. Dann gibt es keinen neuen Sozialraum“.

Mit 28 000 Quadratmeter Betriebsfläche würde ihn eine Grundsteuererhöhung „voll treffen“, sagt Wilfried Neuhaus-Galladé, Geschäftsführer des Hevener Hebezeugherstellers. Man stehe im internationalen Wettbewerb. Die Kunden würden höhere Preise nicht mitmachen. Auch wenn er die „hervorragende Infrastruktur“ Wittens lobt: „Irgendwann ist die Schmerzgrenze bei der Steuer erreicht.“