Musiker entdeckt Wittener Künstler neu

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Was wir bereits wissen
Martin Rudolph kaufte 1998 eine Lithografie mit dem Sackbrunnen auf dem Kornmarkt. Auf dem Flohmarkt zahlte er für den Druck eine Mark. Was hinter dem Kunstwerk steckt und wie viel es heute wert ist

Es war in der Zeit, als noch die D-Mark in Brustbeuteln klingelte und Studenten auf Flohmärkten die besten Stücke ihrer Großmutter verramschten. Damals, also vor ungefähr 20 Jahren, war auch Martin Rudolph mal wieder unterwegs. „Stöbern“, sagt er, „nach was Besonderem. Findet man ja immer was, auf so ‘nem Trödelmarkt“.

An diesem Samstag im Dortmunder Dorstfeld, zwischen Tapeziertischen und Orangenkisten, entdeckte der heute 54-Jährige ein Schätzchen. Für eine Mark kaufte er einer Dame eine Lithografie ab, darauf zu sehen: Der Sackträgerbrunnen auf dem Kornmarkt in Witten. „Ich dachte, den nehme ich mal mit. Ein Druck von meiner Stadt, wer weiß, was dahinter steckt.“

Unterarm amputiert

Bevor er eine Antwort auf seine Frage bekommen sollte, vergingen Jahre. Der Brunnen in Grau wanderte in die Abstellkammer. Irgendwann erinnerte sich der Vater an das vergessene Fundstück. Er brachte es ins Museum, ein Professor der Künste untersuchte den Druck. Das Ergebnis: „Wir erfuhren, dass das Bild von Helmut Schäfer geschaffen wurde. Ein Wittener Künstler, der es vor allem in den Nachkriegsjahren zu regionaler Bekanntheit gebracht hat“, erzählt Rudolph. Seine Neugier war geweckt. „Ich habe Nachforschungen über diesen Menschen angestellt.“

Rudolph fand heraus, dass Helmut Schäfer 1920 in Witten geboren worden war. Mit zwölf Jahren begann er eine Lehre als Maler, mit 20 zog er an die Front, wo er an beiden Armen schwer verwundet wurde. Der Zweite Weltkrieg wurde für Schäfer zum Wendepunkt: Seine Verletzungen waren so stark, dass ihm der linke Unterarm amputiert werden musste.

Thema ist Ruhrgebiet

Was Schäfer nicht davon abhielt, nach seiner Heimkehr ein Ausbildung als Grafiker in der Klasse für angewandte und freie Grafik der Werkkunstschule Dortmund anzutreten. Von 1947 bis 1950 studierte er hier bei den Professoren Guggenberger und Herricht. Sein Studium schloss er 1950 ab. Schäfers Welt war das Ruhrgebiet, seine Radierungen, Zeichnungen und Lithografien zeigen auch Motive seiner Heimatstadt Witten. Zwischen 1950 und 1955 entstand die Mappe „An der Wiege des Ruhrbergbaus“. Sie gilt als Hauptwerk des Künstlers und besteht aus zwölf großformatigen Radierungen. Helmut Schäfer starb 1998 - im selben Jahr, als Martin Rudolph auf dem Flohmarkt über seine Lithografie stolperte.

„Der Experte im Museum sagte meinem Vater, dass der Druck heute vielleicht 150 Euro wert ist“, sagt Rudolph. Keine Geldanlage, lacht er. „Aber um das Geld geht es mir gar nicht. Ich möchte Leute anregen, Künstler unserer Stadt nicht zu vergessen. Sie gehören zu unserer Geschichte.“