Marsch von Witten nach Lippstadt und ins Ungewisse

Albert Chambon mit Ehefrau Nicole und Kindern Isabelle und Jérôme bei ihrer Ankunft in den USA 1945. Foto: privat,  Fotosammlung Stadtarchiv Witten. Das zweite Foto zeigt die Restfläche des ehemaligen KZ-Außenlagers in Annen (Foto: Fruck, Stadt Witten)
Albert Chambon mit Ehefrau Nicole und Kindern Isabelle und Jérôme bei ihrer Ankunft in den USA 1945. Foto: privat, Fotosammlung Stadtarchiv Witten. Das zweite Foto zeigt die Restfläche des ehemaligen KZ-Außenlagers in Annen (Foto: Fruck, Stadt Witten)
Was wir bereits wissen
Nach Auflösung des KZ-Außenlagers Annen mussten die Gefangenen zu Fuß bis Lippstadt laufen. Albert Chambon schrieb seine Ängste und Hoffnungen nieder.

Vor dem Anrücken der Amerikaner wurde das Außenlager Annen des KZ Buchenwald in der Nacht vom 28. zum 29. März 1945 aufgelöst. Auf dem Evakuierungsmarsch nach Lippstadt wurden Gefangene von SS-Männern erschossen, andere blieben entkräftet liegen, anderen gelang die Flucht. Wie viele Männer starben, ist nicht bekannt. Für alle war es ein Marsch in die Ungewissheit. Der Franzose Albert Chambon (1909 – 2002) überlebte. 70 Jahre nach Kriegsende und der Befreiung des KZ Buchenwald hat das Stadtarchiv jetzt dieses Kapitel aus seinen Erinnerungen veröffentlicht.

Danach kam zwangsläufig der Marsch von Witten-Annen nach Lippstadt über Dortmund, um der Einkreisung der beiden alliierten Flügel zu entkommen, die schließlich bei Lippstadt zusammentrafen, am 1. April, dem Ostertag, dem Tag der Auferstehung, an dem Tag, genauer gesagt, in der Nacht, als wir selbst dort ankamen.

Von diesem ganzen Weg von 90 Kilometern, den wir in drei Tagen und drei Nächten zurücklegten, bleiben uns nur einige Erinnerungen. Wenn wir im Geiste diesen Weg wieder zurücklegen wollen, scheint es uns nicht, dass wir ihn als lebende Wesen zurückgelegt haben.

Marschbefehle und Gegenbefehle werden die ganze Nacht gegeben. Aufmarsch, dann zurück in die Baracken; wieder Aufmarsch, dann zurück in die Baracken … unmöglich zu schlafen, so groß ist unsere Unruhe. Sicher werden wir nicht den Händen der Alliierten „ausgeliefert“ werden. Werden wir dann zwischen die beiden Fronten geraten und sind wir genau vor unserer Befreiung dazu bestimmt zu sterben, vielleicht von den alliierten Truppen getötet zu werden?

Die meisten von uns fürchten vor allem, dass man uns auf die eine oder andere Weise vor dem deutschen Rückzug hinrichtet, vermutlich mit dem Maschinengewehr und mit dem Flammenwerfer. Beunruhigende Gerüchte sind dazu im Umlauf. Aus Buchenwald sollen Befehle eingetroffen sein. Was können wir tun? Nichts als beten mit der Angst in unseren Herzen.

Am Morgen gegen sechs Uhr holt man uns aus dem Lager und wir marschieren los. Wir wissen nicht, in welche Richtung man uns mitnimmt. Jedenfalls haben wir die Stadt schnell hinter uns gelassen. Vielleicht evakuiert man uns nach Buchenwald? Aber die Züge verkehren wohl sehr schlecht wegen dieser unaufhörlichen Bombardierungen. Wenn wir zu Fuß gehen müssen, werden „sie“ uns nicht sehr weit mitnehmen können wegen des Zustands körperlicher Erschöpfung, in dem wir uns befinden.

Wie Christus auf Weg nach Golgatha

Mit dem Gepäck der SS beladene schwere Holzkarren auf zwei Rädern werden im Wechsel der Gruppen von 15 bis 18 Gefangenen gezogen, mit Riemen, die man uns über die Schultern legt. Wir können die Füße nicht heben, die über den Boden schleifen. An diese Karren geschirrt und vor Schwäche unter den Schlägen zusammenbrechend, scheint es uns, dass wir einen Teil dessen erleben, was Christus erlitt, als er geschlagen, beschimpft, stolpernd und erschöpft das schwere Kreuz auf seiner Schulter nach Golgatha trug.

Wir wissen, dass wir erschlagen werden, wenn wir fallen. Dennoch müssen wir zusätzlich auf diese schon so schweren Karren diejenigen Kameraden legen, die zusammenbrechen, sonst wird ein Revolver in ihren Nacken knallen.

Die Kanone donnert vor uns, hinter uns, neben uns. Wir denken nicht mehr an die mögliche Befreiung. Wann? Wie könnte sie jetzt geschehen? Wir werden vorher hingerichtet werden. Es gibt keine Träumerei mehr, keine Hoffnungen, keine Verzweiflung, wir sind vernichtet. Nur dies eine: wir müssen aushalten, aushalten, wie gewohnt aufrecht bleiben.“

Bei Lippstadt durch US-Armee befreit

Im KZ-Außenlager Buchenwald in Annen waren mehr als 700 männliche Gefangene interniert. Bis Ende März 1945 mussten sie Zwangsarbeit im Gussstahlwerk Annen leisten. Das Lager wurde komplett geräumte, als die Front näher rückte – wohl um Spuren zu verwischen. Möglicherweise sollten die Internierten auch noch an anderer Stelle in der Kriegswirtschaft eingesetzt werden. Solche Evakuierungsmärsche, Historiker sprechen auch von „Todesmärschen“, gab es auch in anderen Lagern.

Albert Chambon wurde 1909 in Châlons-sur-Marne geboren. 1944 wurde er in Paris als Mitglied des französischen Widerstands – der Résistance – verhaftet und zunächst in das Gefängnis Fresnes eingeliefert. Von dort verschleppten ihn die deutschen Besatzer über das Konzentrationslager Royallieu bei Compiègne am 21. August 1944 in das Konzentrationslager Buchenwald. Im Oktober 1944 überstellte ihn die SS in das KZ-Außenlager Buchenwald in Witten-Annen. Nach dem Evakuierungsmarsch wurde Chambon mit anderen Überlebenden des Lagers bei Lippstadt durch Einheiten der US-Armee befreit. Er kehrte nach Frankreich zurück und emi­grierte noch 1945 in die USA.

Die Erinnerungen des ehemaligen französischen KZ-Häftlings sind 1961 in Frankreich in Buchform erschienen. Das Stadtarchiv Witten plant die Herausgabe einer deutschen Fassung und hat die Rechte dafür erworben. Das Projekt wird von einer ehrenamtlich tätigen Übersetzerin und der in Frankreich lebenden Tochter von Albert Chambon, der 2002 verstorben ist.