Mamas Reise ohne Rückkehr

Müyesser Karincaoglu (79) und Tochter Semire Toplar  (4.v.l.) beim Abschied in der Bahnhofstraße
Müyesser Karincaoglu (79) und Tochter Semire Toplar (4.v.l.) beim Abschied in der Bahnhofstraße
Foto: Fischer
Was wir bereits wissen
Die Wittenerin Müyesser Karincaoglu (79) leidet an Lungenkrebs im Endstadium. Ihr letzter Wunsch ist, in ihrer Heimat Türkei zu sterben. Stationen eines Abschieds.

Witten..  Das Leben zwischen zwei Welten kennt Müyesser Karincaoglu seit einem halben Jahrhundert. 1970 wanderte sie aus der Osttürkei ins Ruhrgebiet aus, ihres Mannes wegen. Drei Söhne hatte sie da schon am Bosporus zur Welt gebracht, eine Tochter wurde nach ihrem Umzug in der neuen Heimat geboren. Immer wieder pendelte Müyesser von hier nach dort. Jetzt ist sie totkrank. Die Reise an ihren Geburtsort Adana wird ihre letzte sein.

Adana, Juni 2014

Ein heißer Sommer in der südtürkischen Stadt Adana: Plötzlich erreicht eine Schreckensnachricht die Familie Karincaoglu in ihrem Haus in der Bahnhofstraße 44 in Witten: 3500 Kilometer weiter südöstlich kämpft der Sohn und Bruder um sein Leben, fällt unerwartet ins Koma. Von einem Tag auf den anderen stirbt das geliebte Familienmitglied. Mutter Müyesser bricht zusammen. Kurze Zeit später wird bei ihr Lungenkrebs diagnostiziert.

Witten, Ende 2014

Der Krebs wird therapiert. Aber eine Besserung stellt sich nicht ein. Müyesser baut ab, ihre Widerstandskräfte schwinden. Die aggressiven Zellen greifen auf andere Organe über. „Wir konnten von Tag zu Tag sehen, wie ihr Lebenswille nachließ“, erzählt Tochter Semire Toplar (34). Die Mutter nimmt nicht mehr an den Mahlzeiten teil, von ihrem Bett steht sie nur noch selten auf. „Ich möchte zu meinem Sohn. Ich möchte Zuhause sterben.“ Täglich, sagt Semire Toplar, habe ihre Mutter diesen Wunsch geäußert.

Ein Wunsch, den ihre drei verbliebenen Kinder, die alle in Witten und Umgebung beruflich Fuß gefasst und mit ihren Partnern und Familien eine Bleibe gefunden haben, erst gar nicht hören wollen. „Natürlich ist Mama in Deutschland medizinisch viel besser versorgt, als in der Türkei. Und wir alle sind hier für sie da!“ Der einzigen Tochter kommen die Tränen, als sie sich an die schwierigen Gespräche erinnert.

Doch der Ruf der Heimat ist lauter als der Zweifel.

Witten, 20. Mai

Semire Toplar erzählt dem behandelnden Arzt vom unerschütterlichen Wunsch ihrer Mutter. „Der schlug uns vor, uns an das Palliativnetzwerk Witten zu wenden.“ Als der Zustand der Patientin sich verschlechtert, nimmt die Familie Kontakt zu Dr. Matthias Thöns auf, der in seiner Organisation dafür kämpft, Todkranken ein würdevolles Sterben zu ermöglichen. Klar ist, dass es schnell gehen muss; dass der Weg nur mit dem Flugzeug bewältigt werden kann; und dass der Transport einer so schwerkranken Frau nur in Begleitung eines Arztes möglich ist. „Da habe ich entschieden: Ich fliege mit“, sagt Thöns. Die Flugtickets werden gebucht, der Termin steht: Am 26. Juni 2015 wird Müyesser Karincaoglu ihre letzte Reise antreten.

Eine Woche vor der Abreise

In der Bahnhofstraße 44 herrscht ein Kommen und Gehen. Familie und Freunde wissen, dass ihre Mutter, Oma, Freundin, Nachbarin sie in wenigen Tagen verlassen wird. Speisen werden gereicht, Hände geschüttelt, eine letzte Umarmung, ein letztes Wort. „Wir halten zusammen“, erzählt Tochter Semire vom Abschied. Die Mutter schweigt und isst nicht. „Sie ist sehr schwach.“

Witten, 26. Juni

Viertel vor drei soll der Krankentransporter kommen, um 18 Uhr der Flieger am Flughafen Düsseldorf Richtung Türkei abheben. Oben in ihrem Zimmer, in ihrem Bett, wird die zierliche Kranke plötzlich lebendig. Mit aller Kraft setzt sie sich auf, schaut umher. Gepäckstücke lagern im Flur, alle sind auf den Beinen, die Tochter, der Arzt, der Pfleger, die Helfer, es klappert die Treppe, es ruft ein Mann. Müyessers Augen werden groß. „Komm mit, Mama! Es geht los!“

Adana, 27. Juni

„Lange Wartezeit am Flughafen. Zweifel am Flugfähigkeitsattest, im Flieger musste Sauerstoff erst organisiert werden. Aber trotz dieser Schwierigkeiten sind wir heil in Adana gelandet.“ (Email von Dr. Matthias Töns an die Redaktion.)

Witten/Adana, 29. Juni

„Hallo Mama, hier ist Semire am Telefon. Wie geht es Dir?“ – „Keine Sorge, mein Schatz. Mir geht es gut. Ich bin heute aufgestanden und habe gefrühstückt. Die Sonne strahlt. Jetzt will ich an die Luft.“