Märkisches Jahrbuch erzählt von Herren und Häftlingen

Der druckfrische 114. Band des Märkischen Jahrbuchs für Geschichte und seine Herausgeber (von li.): Hardy Priester, Dietrich Thier, Stefan Pätzold und Olaf Schmidt-Rutsch.Foto: Jürgen Theobald / FUNKE Foto Services
Der druckfrische 114. Band des Märkischen Jahrbuchs für Geschichte und seine Herausgeber (von li.): Hardy Priester, Dietrich Thier, Stefan Pätzold und Olaf Schmidt-Rutsch.Foto: Jürgen Theobald / FUNKE Foto Services
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Was wir bereits wissen
Das neue Märkische Jahrbuch für Geschichte ist 266 Seiten stark. 13 Beiträge zur Wittener Geschichte und die der ehemaligen Grafschaft Mark.

Witten..  Ein Buch, auf das sich alle freuen, die sich für Wittens Geschichte und die der ehemaligen Grafschaft Mark interessieren: Das neue Märkische Jahrbuch ist auf dem Markt, mittlerweile der 114. Band. 266 Seiten Historie.

Die Beiträge, 13 an der Zahl, beschäftigen sich mit einem breiten Themenfeld. Dieses reicht von Wittens frühester Erwähnung im Jahr 1214, über das religiöse Leben im mittelalterlichen Bochum, bis zur 100-jährigen Geschichte des Rhein-Herne-Kanals. Zwei Autoren erinnern an ein düsteres Kapitel Annener Geschichte: die NS-Zeit, Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge in der Stadt.

800-Jahr-Feier war historisch nicht ganz korrekt

Das Märkische Jahrbuch ist etwas für geschichtlich interessierte Laien, aber auch für Historiker. Denn die Beiträge haben einen wissenschaftlichen Anspruch. Die Autoren sind vom Fach. Wie Herausgeber Dr. Dietrich Thier, Leiter des Kreisarchivs und des Stadtarchivs Wetter. Thiers Thema: Die erste urkundliche Erwähnung des Siedlungsnamens Witten vor 800 Jahren. In einer von Erzbischof Adolf I. von Köln in Auftrag gegebenen Urkunde, die sich mit der Schutzherrschaft über das damalige Benediktinerinnenkloster in Herdecke beschäftigt.

Unter den Zeugen wurde dort ein „Antonius decanus in Wittene“ aufgeführt: also Antonius, der Dechant aus Witten. Autor Thier: „Dies bedeutet, dass es 1214 im Ort, der Witten genannt wird, eine Pfarrkirche gab!“ Und dass dieser Ort Witten, wie der Archivar vermutet, schon 100 bis 200 Jahre vor 1214 entstand. Historisch sei die 800-Jahr-Feier als Stadt im vergangenen Jahr nicht so ganz korrekt gewesen. „Denn 1214 reden wir von einem Dorf“, fügt Thier schmunzelnd hinzu.

Der Historiker Professor Heinrich Schoppmeyer beschäftigt sich im Jahrbuch mit der Geschichte der Gesellschaft Casino in Witten. Diese war 1864 als Vereinigung gegründet worden. 1865 hatte sie 43 Mitglieder, darunter viele Wittener Unternehmer, wie etwa Simon Schott (Glasfabrik), Carl und Louis Berger von der Waffenfabrik „Berger & Co.“ und die Fabrikanten Albert Lohmann und Friedrich Soeding. Soeding war auch Begründer des Märkischen Museums.

Männer „aus der besten Gesellschaft“, wie man damals sagte, die sich regelmäßig trafen, um sich auszutauschen, zu feiern, Kontakte zu pflegen. Das erste Casinogebäude konnte schon 1866 an der Heilenstraße 12 samt Kegelbahn und Garten eingeweiht werden.

Peter Geiger, ehemaliger Studiendirektor am Wetteraner Gymnasium, und der an der Dortmunder Uni tätige Historiker Ralph Klein, haben Zeitzeugenberichte aus der NS-Zeit in Witten zum Märkischen Jahrbuch beigesteuert. Die 2013 und 2014 Befragten waren während des Zweiten Weltkriegs Kinder oder Jugendliche. 14 Wittener, die sich bis heute an Geschundene und Gequälte erinnern. Menschen aus dem 1942 für zivile Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene errichteten Arbeitslager an der Westfeldstraße in Annen und dem von September 1944 bis März 1945 existierenden KZ-Außenlager Buchenwald. Ein Doppellagerkomplex mit Arbeitskräften für das kriegswichtige Gussstahlwerk an der Stockumer Straße.

Eine Zeitzeugin erinnerte sich an Hinrichtungen von Gefangenen, die versucht hatten, zu fliehen. Diese fanden ihr Ende im Waldstück Herrenholz, „einem bevorzugten Exekutionsort“, so die Autoren. Denen man aber auch von mutigen Erwachsenen erzählte, die Gefangenen zum Beispiel etwas zu essen gaben. Ein Zeitzeuge: „Nicht alle Deutschen waren damals Schweinehunde.“