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Interview

Krebsärzte bald mit einem Bein im Gefängnis?

22.10.2015 | 16:59 Uhr
Krebsärzte bald mit einem Bein im Gefängnis?
Das Ende der Palliativ-Versorgung in der jetzigen Form fürchtet Dr. Matthias Thöns.Foto: dpa

Witten.   Bundestag will Sterbehilfe neu regeln. Ärzte werden eventuell strafrechtlich verfolgt. Dr. Thöns fürchtet katastrophale Folgen für Palliativ-Medizin.

Anfang November will der Bundestag über eine gesetzliche Neuregelung der Sterbehilfe entscheiden. Vier Gesetzesentwürfe liegen vor, drei von ihnen wollen Strafgesetze beschließen: Hilfe beim selbstbestimmten Suizid soll demnach strafbar werden. Dr. Matthias Thöns nennt diese Pläne „katastrophal“. Der Wittener sieht „fatale Folgen für die Palliativ-Medizin“ kommen. Wir sprachen mit ihm über seine Befürchtungen.

Erklären Sie doch bitte kurz die aktuelle Situation.

Thöns: Derzeit ist es so: Aktive Sterbehilfe ist verboten – und das soll natürlich auch so bleiben. Strafbar macht sich der Arzt auch, wenn er bei „nicht selbst bestimmten Suiziden“ – also etwa bei Liebeskummer, Geldnot oder Depression – hilft. Hilfe zum „selbstbestimmten Suizid“ am Lebensende bei schwerster Krankheit war dagegen bislang nicht strafbar. Das soll jetzt vermutlich geändert werden.

Lokales
Hintze-Entwurf hat nur 106 Befürworter

Dr. Thöns befürwortet den Gesetzentwurf von Hintze/ Lauterbach. Darin wie ein Rahmen festgeschrieben, bei dem der Arzt Strafverfolgung nicht zu befürchten hat. Dies entspricht der aktuellen Rechtssprechung.

Derzeit hat dieser Entwurf aber nur 106 Unterstützer, der von Brand/Griese hat 210. Die beiden anderen Entwürfe gelten als chancenlos.

Warum? Was ist der Anlass?

Anlass sind die herumreisenden Sterbehelfer. Die sind vielen ein Dorn im Auge – auch uns: Das wollen wir nicht! Wir sind aber der Ansicht, dass die geltenden Gesetze reichen, um denen Einhalt zu gebieten. Vier Sterbehelfer in Deutschland sind bekannt, gegen zwei wird wegen Totschlags ermittelt. Das ist gut so – und völlig ausreichend. Nun soll aber die deshalb die „geschäftsmäßige Sterbehilfe“ verboten werden. Bestraft werden soll die „wiederholte Suizidhilfe“ – also bereits das zweite Mal, oder gar die Absicht, es ein zweites Mal zu tun. Damit trifft man nicht nur die Sterbehilfeorganisationen, sondern vor allem mit Palliativ- und Krebsärzte: Sie bedrohen unsere Arbeit. Das wissen die Befürworter auch – und spielen dabei leider nicht mit offenen Karten.

Bedrohen die Arbeit – wieso?

Unsere Arbeit in jetziger Form würde durch das Strafrecht unmöglich gemacht. Auch in der normalen Versorgung. Der Grund: Es ist normal, in der Sterbesituation hohe Morphiumdosen aufzuschreiben, damit sich die Patienten zuhause bei starken Schmerzen oder Erstickungsnot helfen können. Dosiert demnächst ein Patient das Morphium absichtlich zu hoch, um sich zu töten, wird ein Staatsanwalt gegen den Arzt ermitteln müssen. Ermittlungen aber wären eine Katastrophe: Da können wir unsere Praxen dicht machen.

Was bedeutet das für die Patienten?

Erste Folge wird sein, dass die Ärzte noch weniger Morphium aufschreiben – dabei bekommen bereits heute 80 Prozent der Krebspatienten zu wenig. Unsere Notfall-Boxen, mit denen Patienten sich selbst helfen können, werden wir auch nicht mehr verteilen können. Und was die Beratung angeht – da weiß ich wirklich nicht, wie es weiter gehen kann. Das Ziel des gesetztes wird jedenfalls nicht erreicht: Reiche werden weiterhin in die Schweiz fahren, für Arme bleiben dann nur Bahngleis oder der Strick.

Noch ist ja nichts entschieden...

Nein, aber der Gesetzentwurf von Brand und Griese hat eine große Mehrheit hinter sich. Ich habe nur noch zwei kleine Hoffnungen: Dass sich entweder vorher der öffentliche Druck noch erhöht. Oder das hinterher Juristen das Gesetz mit entsprechenden Kommentaren entschärfen. Denn das Schlimme ist ja: Die überwiegende Mehrheit der Gesellschaft will keine Strafrechtsverschärfung, sondern die Regelung so wie sie jetzt ist. Aber da wird wieder einmal von Leuten entschieden, die keinen Patientenkontakt haben – von solchen, die ab sind von der Realität.

Britta Bingmann

Kommentare
25.10.2015
14:38
Gesetzentwurf als Kuckucksei
von joey.c | #11

Der Gesetzentwurf Brand/Griese ist ein riesiges Kuckucksei, das uns und Politikerkollegen mit viel Nebelkerzen und Weihrauch untergejubelt...
Weiterlesen

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Krebsärzte bald mit einem Bein im Gefängnis?
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2015-10-22 16:59
Witten