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Kleines Akkordeon veränderte Leben des Witteners Löchter

03.02.2016 | 13:02 Uhr
Kleines Akkordeon veränderte Leben des Witteners Löchter
Als Akkordeonspieler und Komponist international bekannt: der Wittener Professor Jürgen Löchter. Foto: Hans Blossey

Witten.   Professor Jürgen Löchter hat als Musiker die Welt bereist. Als Kriegskind bekam er ein Akkordeon, das sein Leben veränderte.

Wer irgendwann auf sein Leben zurückblickt, der möchte vor allem eines: möglichst viele seiner Ziele erreicht haben, so unterschiedlich sie sein können.

Professor Jürgen Löchter hat so ziemlich alles erreicht. Er hat Stücke komponiert, die auf internationalen Bühnen gespielt werden, er hat in 24 Ländern konzertiert, hat in seinen Schülern den Funken für die Musik entzündet und eine Familie, bei der er sich zuhause fühlt. Und all dies fand seinen Anfang, als Deutschland in Schutt und Asche lag.

Es war der 19. März 1945. Jürgen Löchter, damals erst sechs Jahre alt, saß als einziges Kind im Bunker in der Röhrchenstraße. Stundenlang. „Ich weiß noch, wie der Speis aus den Mauerritzen flog. Es war dunkel, überall war Qualm, die Erwachsenen lagen auf dem Boden, sie beteten und weinten“, erinnert sich Löchter. Als die Überlebenden nach einer gefühlten Ewigkeit freigeschaufelt wurden, sagte die Frau neben ihm: „Jürgen, komm mit mir mit, ich schenk dir was.“ Er ging mit und bekam ein „klitzekleines Akkordeon“ – ein Geschenk, das sein Leben veränderte.

Er brachte sich selbst bei, es zu spielen, trat einige Jahre später schon in Cafés und Restaurants auf. 1958 wurde es dann ernst mit der Musik: Löchter begann sein Studium in Trossingen. Nur ein Jahr später fiel der Startschuss für seine Solistenkarriere bei Radio Kopenhagen, die ihn in den nächsten 57 Jahren in die ganze Welt führen sollte. 1960 dann absolvierte Löchter seine Musiklehrerprüfung, das zweite Standbein seiner musikalischen Leidenschaft. Doch bevor er an der Musikschule Witten anfing, starteten erstmal die nationalen und internationalen Wettbewerbe, in denen er zunächst als Teilnehmer und später als Jurymitglied überzeugen konnte.

Sein Herz schlägt für die Musik der Moderne

In der Musik kristallisierte sich schnell die Avantgarde, die Moderne, als Löchters Leidenschaft heraus. „Sie hat mich von Beginn an fasziniert.“ Dafür entwickelte er schon im Studium ein Konzertakkordeon, das seinen hohen Ansprüchen besser gerecht wurde als herkömmliche Instrumente. Mit diesem Akkordeon wurde Löchter zu einem der führenden Virtuosen, einem Botschafter für sein Instrument.

Er spielte bei den renommierten Wittener Tagen für neue Kammermusik, gründete und leitete die „Gruppe neue Musik Witten“ und wurde Lehrbeauftragter der Musikhochschule Köln – für die Anerkennung des Akkordeons als seriöses, hochkünstlerisches Instrument ein Meilenstein. In seinen Kompositionen griff er aktuelle Probleme auf wie die fortschreitende Umweltzerstörung („Reaction to an object found“) oder die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl („Evocation“).

Kuriose Anekdote über die Heimatstadt Witten

Man könnte lange so weitermachen und von Auszeichnungen wie der Chopin-Medaille 2007 oder seinen vielen Auftritten erzählen. Auftritten wie diesen: Als er für einen Staatsempfang ins damalige Dahomey (heute: Benin) reiste, wurde er auf dem Flughafen vom Vertreter der deutschen Botschaft abgeholt. Woher Löchter denn komme, fragte dieser: „Und weil man Witten immer erst erklären muss, sagte ich Dortmund.“ Der Botschaftsmitarbeiter meinte: „Das ist ja lustig, ich komme aus Witten.“ Die Welt ist klein – und Jürgen Löchters Wohnzimmer.

In drei Jahren wird der Akkordeonvirtuose 80. Aber Aufhören kommt für den Rüdinghauser trotzdem nicht in die Tüte. Gerade ist er wieder auf Konzertreise in der Schweiz und in Dänemark unterwegs, im Herbst geht’s zum ersten Mal nach China. „Wenn ich aufhöre, ist das für meine Frau nicht gut“, sagt Löchter und schmunzelt leise. „Das geht eine Woche gut, und dann werde ich unruhig.“

Claudia Scholz

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Kleines Akkordeon veränderte Leben des Witteners Löchter
Kleines Akkordeon veränderte Leben des Witteners Löchter
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2016-02-03 13:02
Witten