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Kälte der Mutter zu Zwillingen fiel Ärztin auf

11.02.2016 | 21:52 Uhr
Kälte der Mutter zu Zwillingen fiel Ärztin auf
Die Eltern der Zwillingen (verdeckt), hier mit ihren Verteidigern, schweigen weiterhin. Sie sitzen auf der Anklagebank im Bochumer Landgericht. Foto:deso

Witten.   Laut Anklage hat die 25-Jährige die Kinder „böswillig vernachlässigt“. Mit 21 Monaten wogen sie nur acht Kilogramm.

Wie konnte es so weit kommen, dass zwei 21 Monate alte Zwillingsmädchen vor einem Jahr stark unterernährt, apathisch und mit blauen Flecken im Marien-Hospital aufgenommen wurden? Vier Ärztinnen sollten der 8. Strafkammer des Bochumer Landgerichts am Donnerstag bei der Wahrheitsfindung helfen. Dort sind die Mutter (25) und der getrennt von ihr lebende Vater (24) angeklagt wegen Misshandlung der Kinder durch „böswillige Vernachlässigung.“

Zwei Ärztinnen (33, 45) von der Kinderstation des Marien erinnerte sich noch gut an den „dramatischen Befund“. Die Kinder seien mit um acht Kilogramm nicht nur unterernährt gewesen. Sie seien aber auch völlig verschlossen, in sich gekehrt und emotionslos gewesen, ein Musterbeispiel für den Fachbegriff der „Frozen Watchfulness“ – „gefrorene Aufmerksamkeit“ – wie es die Ärztinnen zuvor noch nicht gesehen hatten. Die Kinder hätten alles über sich ergehen lassen, ohne eine Regung zu zeigen. Als Krankenschwestern sich Zeit nahmen, hätten die Mädchen schon mal ein erstes Lächeln gezeigt. Wenn die Mama ins Zimmer kam, seien sie aber „wieder in die Starre verfallen“.

Im Krankenhaus gut gegessen

Im Krankenhaus legt das eine Mädchen innerhalb von vier Tagen ein ganzes Kilo zu, das andere in zwei Tagen ein halbes. Das ließ Zweifel an einer angeblichen Stoffwechselerkrankung aufkommen. „Die Kinder haben viel gegessen und alles, was wir ihnen angeboten haben“, sagte eine der Ärztinnen. Die Klinik schaltete das Jugendamt ein, das die Kinder in seine Obhut nahm.

Noch wenige Tage vor dem Klinikaufenthalt hatte die niedergelassene Wittener Kinderärztin Dr. Theodora Polichronidou (56) eins der Mädchen untersucht. Es sei „sehr dünn, aber nicht bedrohlich dünn und sonst gepflegt“ gewesen. Beide Zwillinge hätten sich „roboterartig“ bewegt. Erschüttert habe sie die „Kälte der Mama“ gegenüber den Zwillingen, während sie gleichzeitig ihre etwas ältere Tochter liebevoll auf dem Arm gehalten habe.

Bei Behinderung wollte Mutter die Kinder angeblich abgeben

Maßnahmen zur Frühförderung waren da bereits eingeleitet. Das gestörte Verhältnis zu den Zwillingen führte die Kinderärztin in erster Linie darauf zurück, dass diese in den ersten neun Lebensmonaten in einer Pflegefamilie aufgewachsen waren. Die Mutter hatte sie nach einer Wochenbettdepression abgegeben.

Während die Angeklagte vor Gericht schweigt, hatte sie der Kinderärztin angeblich gesagt, sie habe Angst, dass die Kinder behindert seien und in diesem Falle wolle sie sie abgeben. Obwohl die Kinder viel essen würden, blieben sie nachts wach, schlügen mit dem Kopf gegen die Wand, steckten sie sich Tapetenfetzen und Matratzenreste in den Mund.

Kleinkinder verloren ein Kilo Gewicht in acht Monaten

Im Prozess um die mutmaßliche Misshandlung von Zwillingen stellte die Fachärztin Dr. Almut Weitkämper (50) am Donnerstag ihr kinderärztliches Gutachten vor. Dabei legte sie besonderes Augenmerk auf die Gewichtsentwicklung.

Nach einem „schwierigen“ Start mit um 2000 Gramm, was aber bei frühgeborenen Zwillingen nicht ungewöhnlich sei, hatten sich die Beiden an Gewicht aufgeholt und sich normal entwickelt. Nach sechs Monaten – in der Pflegefamilie – lagen sie beim Gewicht genau in der Mitte (Percentile 50) ihrer Altersgruppe. So blieb es auch, als die Mutter die Kinder nach neun Monaten zurückbekommen hatte, noch für weitere zwei Monate. Die Mädchen wogen damals um die neun Kilogramm. Dann allerdings nahmen sie nicht mehr zu – bei der Aufnahme im Marien-Hospital acht Monate später wogen beide sogar ein Kilogramm weniger. Damit lagen sie am untersten Rand ihrer Altersgruppe (Percentile 3). „Erst gab es eine gute Entwicklung, dann Stillstand, dann eine Abnahme“, sagte Dr. Weitkämper.

Diagnose: Mangelernährung

Das habe am Ende zu einer bedrohlichen Unterernährung geführt. „Das hätte so nicht weitergehen dürfen.“ Befragt nach den Ursachen für diese Gewichtsentwicklung, sagte die Gutachterin: „Eine Mangelernährung scheint mir als einziger Grund übrigzubleiben.“ Für einen Gendefekt oder eine Stoffwechselerkrankung gebe es keine Anzeichen. Letztere scheide auch deshalb aus, weil die Kinder seit ihrer Unterbringung in einem Kinderschutzhaus wieder zunehmen würden. Bei regelrechter Ernährung habe man dort „steilen Zuwachs“ beim Gewicht verzeichnen können.

Spätschäden befürchtet

Motorisch würden die Kinder den Rückstand wohl wieder aufholen. Aufgrund der Mangelernährung in dem „fragilen“ Lebensalter hält Dr. Almut Weitkämper andere Spätschäden aber für wahrscheinlich. Das verzögerte Schädelwachstum könnte zu einem geringeren Intelligenzquotienten führen. Die von ihr ebenfalls festgestellte emotionale Vernachlässigung erhöhe die Wahrscheinlichkeit für spätere psychische Auffälligkeiten.

Streit um Gutachten

Eine Psychologin hatte der Angeklagten einen Intelligenzquotienten von 56 bescheinigt. Die Erziehung von drei Kindern habe sie überfordert. Damit wären verminderte Schuldfähigkeit oder Schuldunfähigkeit möglich.

Die Staatsanwältin stellte gestern die Sachkunde der Psychologin in Frage. „Wie kann man mit einem IQ von 56 den Führerschein erwerben? Das passt vorne und hinten nicht.“

Johannes Kopps

Kommentare
12.02.2016
08:57
"Wie kann man mit einem IQ von 56 den Führerschein erwerben?"
von Ravaello10 | #2

Wie hoch sollte denn der IQ sein um Staatsanwältin zu werden? Warum kommt sie nicht auf die Idee, ein Gegenurteil einzuholen statt beleidigende...
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2016-02-11 21:52
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