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Jede Kante wird zum Glücksspiel

29.08.2012 | 08:00 Uhr
Jede Kante wird zum Glücksspiel
Die schlimmste Stelle: Das E-Mobil bleibt am Überweg über den Bommerfelder Ring hängen. Foto: Marcus Simaitis

Witten.   Mit dem E-Mobil unterwegs in Bommern: Selbst abgesenkte Kanten sind für die Seniorin Dr. Ingrid Nettmann eine Herausforderung. Doch sie möchte sich ein Stück Unabhängigkeit und Lebensqualität unbedingt erhalten und hofft, dass beim Bau der Neuen Mitte auch an ältere Menschen gedacht wird.

„Gerne möchte ich Sie einladen, mit dem neuen E-Mobil meiner Mutter einfach nur den Bodenborn entlang zu fahren. “ Der Einladung von Beate Nettmann-Roy (65) nach Bommern leistete der Reporter gestern gerne Folge. Fahren, befand er, sollte Mutter Dr. Inge Nettmann aber doch lieber selbst.

Das sollte sich in gewisser Hinsicht als Fehler erweisen: Denn die 92 Jahre alte Bommeranerin ist zwar schlecht zu Fuß, aber im Senioren-Scooter düst sie dem kleinen Begleittross aus Tochter, Schreiberling und Knipser prompt auf und davon. Schön beobachten lässt sich aus der Rückansicht aber das erste Problem: Der ebenfalls in die Jahre gekommene Bürgersteig des Bodenborns ist ein Buckelpflaster. Die Seniorin, die ein absolutes Leichtgewicht ist, wird auf dem Plattenweg so richtig zwischen den Armlehnen ihres Gefährts hin- und herschleudert.

Ein Stück Lebensqualität

„Als alte Ostpreußin sagt sie ja nichts, aber das tut ihr schon richtig weh“, verrät die Tochter. Dass „die Bandscheibe völlig im Eimer ist“, hatte die Mutter vor der Abfahrt noch selbst erzählt. Nur mit Morphinen und Schmerzpflaster steht sie den Tag durch.

Im und ums Haus am Bodenborn hilft sich Inge Nettmann mit Stock und Rollator. Der Senioren-Scooter, den sie sich vor zwei Monaten zugelegt hat, steht natürlich auch für den Wunsch, noch selbst unter die Leute zu kommen, einkaufen zu fahren – ein Stück Unabhängigkeit und Lebensqualität.

Die Testpilotin ist an der Kapellenstraße angekommen und wartet dort brav auf das Verfolgerfeld. Die Übergänge sind für Inge Nettmann die größte Herausforderung. Selbst die abgesenkten sind ihr meistens noch zu hoch. „Das ist jedes Mal ein Glücksspiel“, sagt sie, „ich bin jedes Mal froh, wenn es gut geht.“ An der Kapellenstraße geht es dieses Mal mit leichtem Anlauf gut, vom Durchschütteln der Fahrerin mal abgesehen.

Die Sackkarre im Schlepptau

Wir erreichen den Bommerfelder Ring, die schlimmste Stelle. Wie bestellt (aber eben nicht: gestellt) bleibt der Scooter auf der Mittelinsel stecken. Es geht weder vorwärts noch rückwärts weiter. Jetzt wissen wir, warum die Tochter auf solche Ausflüge eine Sackkarre mitnimmt: Sie hebelt das schwere Fahrzeug damit frei. „Ich habe immer Angst, dass Mutti runterfällt“, sagt Beate Nettmann-Roy. Nur allzu verständlich an dieser Stelle. Das Nachmessen ergibt eine Kantenhöhe von sechs Zentimetern.

Die Nettmanns möchten nicht nur kritisieren. Vielleicht könne die Wortmeldung rechtzeitig vor dem Bau der Neuen Mitte aber dazu beitragen, dass dort an die Senioren gedacht werde, hofft die Tochter. Und: Abhilfe ist in Sicht, wie im Interview unten zu lesen ist.

Im Übrigen bedanken sich die Nettmanns bei den viele netten Autofahrern, die bei den Übergängen am Bodenborn oft geduldig warten, bis man die Straße an den Verkehrsinseln überquert hat. Auch wenn ihnen sichere Zebrastreifen lieber wären.

Johannes Kopps


Kommentare
31.08.2012
14:52
Doch das Problem ist das E-Mobil
von p.s.a | #6

Hunderte Senioren in der Stadt wären dankbar wenn sie in Ihrem Viertel solch flache Kanten hätten wie die, an der ihr E-Mobil scheitert.

Bommern ist für das Gefährt das Sie gewählt haben freie Wildbahn. Sie haben schlicht einen Fehlkauf getätigt. Nicht umsonst gibt es ja verschiedene Angebote.

Frau Nettman-Roy ich schrieb nirgends, das Sie keine Ausflüge unternehmen sollen. Gerade deshalb weise ich ja darauf hin, dass, will man Mobilität erreichen, ein E-Mobil kauft, dass auch strassentauglich ist und zwar nicht in der Wunschwelt, sondern im hier und jetzt. Mit einem Klapprad macht man auch MTB-Touren.

30.08.2012
15:40
… nicht nur von „gesunden“
von B.Nettmann-Roy | #5

… auch Kinderwagen + Einkaufsroller sollten von Menschen geschoben werden können, die nicht so gut zu Fuß sind, nicht nur von „gesunden“. Das Problem ist nicht das E-mobil, sondern der Boden in einem Wohn- und Einkaufsgebiet, der für alle Menschen nutzbar sein sollte, nicht nur für „Gesunde“. Solange er nicht behindertengerecht ist, kann er auch nicht als „noch funktionsfähig“ bezeichnet werden.
Bommern ist für mich keine“ freie Wildbahn“, darunter versteh ich was anderes. Und warum wir das für uns optimale E-mobil nicht auseinander nehmen sollen, um damit im Muttental oder in der Bahnhofstraße oder in einer anderen Stadt „weitere Touren“ zu unternehmen, ist mir nicht klar. - Zu Geld und Sanierung: hier kommt es - wie immer- auf die Prioritäten an.

29.08.2012
17:03
Frau Nettmann-Roy, selbstverständlich spricht nichts dagegen weiterhin
von p.s.a | #4

bei Projekten optimal für Behinderte zu bauen. Das Problem ist eben, es fehlt am Geld sämtliche Straße, die wie die abgebildete Stelle, noch funktionsfähig sind behindertengerecht nachzurüsten. Leider bilden sich selbst bei Neubauten solche Stolperfallen oft schnell wieder weil auch das das Geld nicht zur anständigen Sanierung reicht.

Ihre Auswahlkriterien sind relativ klar auf dem Foto zu erkennen. So ein Gefährt ist dann aber auch nichts für die "freie Wildbahn" - das sollte ein guter Berater klar sagen. Vor allem wenn Sie betonen auch weitere Touren unternehmen zu wollen.

Traurig ist, das die Kassen nicht sonderlich hilfreich sind bei der Finanzierung von Gefährten die Lebensqualität schenken.

Bei den Rollatoren ist es ähnlich, da wird oft das falsche Modell genutzt. Im Bereich Kinderwagen und Einkaufsrollern die von gesunden Menschen genutzt werden, gibt es eigentlich ausreichende Angebote um Schwellen wie am Bommerfelder Ring zu meistern.

1 Antwort
...nicht nur für "Gesunde"
von B.Nettmann-Roy | #4-1

... auch Kinderwagen und Einkaufsroller sollten von Menschen bewegt werden können, die nicht so gut über Kanten gehen können und die dort mehr Kraft brauchen, um das Gefährt + sich selbst herüberzuheben. Außerdem sind Bürgersteige und Übergänge für alle da, nicht nur für "Gesunde". Für mich ist etwas, das nicht behindertengerecht ist, eben nicht funktionsfähig, weil es nicht für alle funktioniert. Bommern würde ich nicht als "freie Wildbahn" bezeichnen, sowas sieht wohl anders aus. Und was dagegen spricht, dieses für uns optimale Emobil auseinanderzunehmen + per Auto zu "weiteren Touren" (zB Muttental oder Bahnhofstraße) zu transportieren - oder in eine andere Stadt - , versteh ich nicht. Das Problem ist nicht das Emobil, sondern - für alle, die sich auf ihm bewegen möchten - der Boden. Zum Thema Geld und Sanierung: da kommt es - wie immer - auf die Prioritäten an.

29.08.2012
11:14
Jede Kante wird zum Glücksspiel
von B.Nettmann-Roy | #3

@pas Ich hätte mich gefreut, wenn Sie unsere Auswahlkriterien erfragt hätten, bevor Sie schreiben. Wir sind in unserem Reha-Laden sehr gut beraten worden. Es sollte ein kleines Emobil sein, weil meine Mutter sehr klein ist + weil ich es selbst auseinander nehmen + in meinen Kleinwagen heben möchte, damit wir auch entfernte Spaziergänge unternehmen können. (Rollstuhl-Autos sind auch eine Platz- + Finanzfrage.) Ich meine, dass die Nicht-Berücksichtigung von Behinderten in der Stadtplanung nicht individuell ausgeglichen werden sollte, sondern Witten kann ebenso wie andere Städte behindertenfreundlich werden, weil alle am Leben teilhaben möchten. Bessere Übergänge Bürgersteig/Straße sind nötig für alle, die ihre Beine nicht mehr gut heben können. Auch für alle mit Rollatoren sind buckelige Bürgersteige und Überwege mühsam. Und was ist mit Kinderwagen und bepackten Einkaufsrollern?

29.08.2012
10:30
Jede Kante wird zum Glücksspiel
von tomatenkiller_neo | #2

#1 genau, sie sollte sich einen alten Leo 2 von der Bundeswehr kaufen, oder ...

29.08.2012
08:32
Eine schlechte Beratung
von p.s.a | #1

sollte nicht zum Maßstab der Stadtplanung gemacht werden. Es gibt genug Angebote damit Senioren und Behinderte auch dort mobil sein können, wo die Bedingungen nicht optimal sind.

http://www.e-lobil.de/Elektromobile:::1.html
http://www.seniorenfahrzeug.de/

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