In Witten schlagen die Wessis zurück

Der Autor Mark Daniel liest im Knut’s aus seinem Buch "Schnauze, Ossi !"
Der Autor Mark Daniel liest im Knut’s aus seinem Buch "Schnauze, Ossi !"
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Mit seinem Satirebuch „Schnauze, Ossi!” klärt der Journalist Mark Daniel die deutsch-deutschen Fronten – und verrät Geheimnisse der ostdeutschen Seele.

Witten..  Endlich zurück in Witten! „Manche Gesichter hab ich bestimmt 25 Jahre lang nicht gesehen.” Mark Daniel steht strahlend auf dem Innenhof der Kneipe „Knut’s” im Wiesenviertel. Und dann liest er vor.

1992 zog es den damals 25-Jährigen „der Liebe wegen” nach Leipzig. Im frisch vereinigten Deutschland ergründete er dort als Kulturjournalist die Tiefen der ostdeutschen Seele. Zurück in der Heimat kommt Daniel dann fast ein bisschen ins Schwärmen: „Nach Witten zurück zu kommen, ist wie ein altes Liebeslied zu hören.“ Allerdings mit dem augenzwinkernden Nachtrag: „Aber dann ist man auch froh, wenn man das alte Lied wieder vergessen kann.“ Moment! So schnell ist der Witten-Besuch nicht abgehakt. Schließlich hat Daniel noch nicht mal seinen Koffer ausgepackt.

Der birgt neben druckfrischen Exemplaren seines neuen Buches auch einige kulinarische (N)ostalgieprodukte. Fein säuberlich stellt Daniel den Rotkäppchensekt neben die Ostschokolade „Bambina”. Der Kräuterlikör „Erichs Rache” krönt die Raritätenpyramide.

Bevor diese aber unter den etwa 50 Zuhörern verteilt wird, schlägt Mark Daniel die ersten Seiten seines Buches auf und beginnt mit seinem offenen Brief an die Ossis. „Was haben wir uns damals gefreut, 1989”, liest Daniel: „Nach 40 Jahren tragikomischen Laienspiels mit Blümchenkaffee und Spartakiade habt Ihr das Präsidium Eures Wandlitzer Kleingartenvereins nach Hause geschickt.”

Was dann folgte, sei allerdings ein Trauerspiel. Die Ossis jammerten fortwährend gegen den Westdämon und seinen Höllenschweif aus Kapitalismus und Arbeitslosigkeit. Dabei hätten sie mit Merkel und Gauck doch schon die beiden Spitzenplätze in der Politik ergattert und das westdeutsche System still und heimlich unterwandert. Trotzdem ist er da: Der nörgelnde „Früher-war-alles-besser-Ossi”. In Daniels Geschichten manifestiert er sich mal als spießiger Kleingartenbesitzer im „Datschenidyll”, mal als mundfaule Kellnerin in einem Harzer Restaurant.

Natürlich beschreiben Mark Daniel und sein Co-Autor Jürgen Kleindienst völlig überzeichnete Bilder der Ostdeutschen. Aber es ist fein pointierte Satire, die auch ohne hohle Bananenwitze auskommt. Die Wittener können jedenfalls lachen. Und das, obwohl sich einige Ostdeutsche unter das Publikum gemischt haben. Die müssen allerdings während des Quizteils schweigen, damit „die Wessis” auch eine Chance haben, die Bedeutung ostdeutscher Begriffe, wie „abkindern”, zu erraten. (Zur Erklärung: In der DDR bekamen junge Paare einen Kredit, etwa zur Einrichtung der Wohnung. Bei Geburt eines Kindes wurde von „Staats wegen“ ein Teil des Kredites erlassen. „Abkindern“ animierte so zum Kinderkriegen.)

Wer’s weiß, wird mit Bambina belohnt. Eigentlich eher eine Bestrafung, denn die schmecke laut Daniel „wie Omas geschredderte Fußnägel mit Dosenmilch”. Nach anderthalb Stunden sind alle Ostprodukte verteilt und die Wittener um einige Ostsprüche schlauer.