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Im Slum wächst Hoffnung

05.10.2011 | 15:03 Uhr
Im Slum wächst Hoffnung
Silvia Disse fuhr nach Kenia. Foto: privat

Witten.„Shangilia mtoto wa Africa“: Das ist Kisuaheli und heißt „Freue dich, Kind Afrikas“. Aber ob mich bei meinem Besuch des gleichnamigen Straßenkinderprojekts inmitten der Slums von Nairobi tatsächlich ein Ort der Freude erwartet?

Wir fahren in den Westen der kenianischen Hauptstadt, die rund fünf Millionen Einwohner hat, und erreichen schließlich Kangemi. Hier leben die Menschen unter Wellblechdächern, haben sich Hütten aus Plastikplanen oder Pappkartons gebaut. Ich rieche den faulenden Unrat, der in den Gassen liegt. Alte Männer sitzen vor ihren Hütten. Junge Frauen stehen an den zahllosen Verkaufsständen. Junge Männer hasten, ihr Handy am Ohr, über die lehmigen Straßen.

Trotz aller Tristesse – das Leben im Slum bietet dem Betrachter ein buntes Bild. So sieht es auch Charles Ngatia. Die Wellblechhütten, die er malt, sind knallrot, sonnengelb, grasgrün oder pink. Der Himmel darüber ist immer tiefblau. „Ich will mit meinen Bildern auf das Potenzial hinweisen, das sich in den Slums verbirgt. Es kann tatsächlich auch Spaß machen, hier zu leben.“ Der 32-Jährige weiß, wovon er spricht. Seit seiner Geburt hat er nie woanders gelebt – zusammen mit zwei Schwestern und vier Brüdern.

Mit 15 trifft Ngatia Anne Wanjugu und wird eines der ersten Kinder, die nach Shangilia kommen. Die in Kenia sehr populäre Schauspielerin gründete 1994 das Projekt, um Straßenkindern nicht nur ein Zuhause zu bieten und eine Schulbildung zu ermöglichen. Sie wollte ihnen vor allem eine Stimme geben – und brachte sie auf die Bühne.

„Um gehört zu werden, brauchen die Kinder Selbstvertrauen, und das lernen sie am besten, wenn sie auf der Bühne stehen“, so Anne Wanjugu. Sie starb 2002, doch ihre Ideen überlebten. Musik, Tanz und Akrobatik sind auch heute noch fest im Stundenplan verankert, und die Bühne ist zentraler Bestandteil des Grundstücks, das Anne Wanjugu mitten im Slum von Kangemi vor vielen Jahren anmietete.

Die Bühne bestimmte auch Ngatias künstlerischen Werdegang. Er war für das Bühnenbild verantwortlich. Man erkannte sein zeichnerisches Talent und förderte ihn. Heute hat er sein Studio im trendigen Godown, einem Kunstzentrum im Industriegebiet von Nairobi. Er ist verheiratet und hat eine kleine Tochter. Im Slum lebt er immer noch. „Hier werde ich inspiriert, und ich will deutlich machen, dass das nicht nur ein Ort der Hoffnungslosigkeit ist.“

„Zur Zeit betreuen wir 198 Kinder und Jugendliche“, erläutert Japeth Njenga, der lange mit Anne Wanjugu zusammen gearbeitet und nach ihrem Tod die Leitung übernommen hat. „Rund 90 Kinder wohnen auf dem Gelände. Für mehr ist kein Platz, die Älteren sind in Internaten, in der Ausbildung oder studieren.“ Tatsächlich herrschen einfachste Verhältnisse: In engen Schlafräumen stehen dreigeschossige Betten. Schränke oder Regale gibt es nicht, stattdessen für jedes Kind eine Blechkiste, in die der private Besitz passen muss. Raum zum Spielen ist knapp, warmes Wasser kennen die Shangilia-Kinder nicht.

„Alles ist besser als die Straße“, sagt Anja Faber, Vorsitzende des Vereins Shangilia Deutschland e.V. „Aber wir wollen die Lage der Kinder weiter verbessern“. Die neun Mitglieder des kleinen Vereins tun das mit unermüdlichem Engagement. Sie sammeln in Deutschland Spendengelder und fliegen regelmäßig auf eigene Kosten nach Nairobi.

Dank der Hilfe von Sponsoren konnte Shangilia inzwischen ein größeres Grundstück am Rande von Kangemi kaufen. Dort wird jetzt eine Schule gebaut. Das neue Kinderheim mit Platz für mehr Kinder – das bleibt allerdings noch eine Herausforderung, für die im Moment das Geld fehlt.

VEREIN

Der Verein Shangilia e.V. in Deutschland unterstützt das kenianische Projekt seit 2009. Alle Mitglieder arbeiten ehrenamtlich mit. Alle Spenden fließen direkt in das Projekt. Weitere Informationen über die Arbeit und die Ziele des Straßenkinderprojekts finden Interessierte unter www.shangilia.de

Silvia Disse

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