Hochprozentiger Schnapsvorrat im Finanzamt Witten aufgetaucht

Hochleistungsschmierstoffe mal anders. Im Finanzamt versteckte früher ein Beamter seine Schnapsvorräte in einem präparierten Ordner.
Hochleistungsschmierstoffe mal anders. Im Finanzamt versteckte früher ein Beamter seine Schnapsvorräte in einem präparierten Ordner.
Foto: Walter Fischer
Eine Flasche Mariacron wurde im Finanzamt in Witten entdeckt. Vor langer Zeit hatte offenbar ein Beamter sie in einem präparierten Ordner verborgen, den er mit der Aufschrift "Flüssig-Schmierung" versah. Doch die Zeiten zu denen in den Amtsstuben der Alkohol floss, liegen längst in der Vergangenheit.

Witten.. Das Versteck ist raffiniert. Wohl jahrzehntelang blieb es unentdeckt. Hinter dem unscheinbaren Rücken eines staubigen blauen Aktenordners steckt noch heute ein ganz starker Stoff: eine Flasche mit Mariacron. Und das im Finanzamt.

Der Weinbrand steckt in einer eigens dafür angefertigten Metallhalterung. Daneben sind sechs weitere für Schnapsgläser. Nur noch drei sind erhalten geblieben. Eine dicke Staubschicht hat sich über sie und die Flasche gelegt.

Trinken früher nicht unüblich

Den guten Tropfen hat schon lange Zeit niemand mehr angerührt. „Wir können nicht mehr aufklären, wer den Aktenordner benutzt hat“, sagt Finanzamtsleiter Martin Klünemann. Der Hausmeister hat dieses Fundstück im Aktenkeller entdeckt. „Immerhin“, so sagt Klünemann, hätte der damalige Besitzer Humor bewiesen. Der wohl trinkfreudige Beamte beschriftete das Rückenetikett mit „Flüssig-Schmierung“ und „Hochleistungsschmierstoffe“.

Trotz der humorvollen Note verfinstert sich beim Thema Alkohol am Arbeitsplatz die Miene des Finanzamtschefs. Zwar lägen die Zeiten, in denen in Amtsstuben zuweilen tiefer ins Glas geschaut wurde, länger zurück. „Als ich Anfang der 90er Jahre bei der Finanzverwaltung angefangen habe, gab es das nicht mehr.“ Doch die alten Geschichten von betrunkenen Mitarbeitern kennt Klünemann nur zu gut. Früher, da habe Azubi statt Auszubildender häufig auch mal „Arsch zum Bier holen“ bedeutet. Trinken sei öffentlich kaum verpönt gewesen. Im Gegenteil. Erst in den 80er Jahren habe ein Umdenken stattgefunden. „Damals müssen einige extrem aufgefallen sein.“

Heute Alkohol in Ämtern verboten

Mittlerweile werde Trinken in der Behörde nicht mehr toleriert. Wird heutzutage jemand angeheitert im Dienst auffällig, droht ihm ein Disziplinarverfahren. Und er müsste sich einer Therapie unterziehen.

Auch wenn in Betrieben und Ämtern der Konsum von Alkohol verboten ist – in Witten trinken manche Berufstätige dennoch Tag für Tag. Jährlich suchen 250 Alkoholiker die Hilfe der Suchtberatung der Diakonie in der Röhrchenstraße allein wegen eines Alkoholproblems auf. Suchtberaterin Brigitte Stenzel (61) weiß, dass die Kreativität von alkoholkranken Menschen kaum Grenzen kennt. Das Verheimlichen der Sucht wie mit dem Aktenordner sei typisch für Betroffene. Sie leugneten und verharmlosten ihr Alkoholproblem.

Früher seien Mitarbeiter häufig in Versuchung gekommen. „In den Betrieben war Alkohol nicht selten“, so Stenzel. Bei Betriebsfesten, Geburtstagen oder Jubiläen knallten häufiger die Korken. Teilweise seien in manchen Kantinen sogar alkoholische Getränke käuflich zu erwerben gewesen. „Damals war noch nicht bekannt, welcher volkswirtschaftliche Schaden durch Alkoholsucht entsteht.“

Sucht kann den Arbeitsplatz Kosten

Heutzutage fallen Alkoholiker schneller auf. Häufiges Fehlen, Reizbarkeit, unkoordinierte Bewegungsabläufe oder eine undeutliche Aussprache seien laut der Expertin Merkmale für eine mögliche Suchterkrankung. Arbeitgeber registrierten bei Betroffenen häufig nachlassende Leistungsfähigkeit. Abmahnungen oder der Verlust des Arbeitsplatzes sowie des Lebenspartners seien häufig die Folge.

Soweit muss es nicht kommen. In vielen großen Betrieben gibt es Suchtvereinbarungen. Sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer können so die Hilfe der Diakonie in Anspruch nehmen. Klünemann weiß das. Zum Glück, so sagt er, gebe es in der Wittener Behörde keinen Problemfall. Beim einstigen „Hochleistungsschmierstoff“ ist ein wenig Schmunzeln also erlaubt.

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